Frauen, Fastelovend, Vereinsleben
„Eimol Prinz zo sin en Kölle am Rhing.
En nem Dreigesteen, voll Sonnesching.
Dovun han ich schon als kleine Fetz gedräump.
Eimol Prinz zo sin, söns häs de jet versäump.“
So drücken Dieter Steudter und Wicky Junggeburth in dem Klassiker der kölschen Musik ihren sehnsüchtigen Wunsch nach der Regentschaft aller kölschen Jeck*innen aus. Aber als utopischer, sehnsüchtiger Traum wird dieser von vielen Kölner*innen und Karnevalist*innen geteilt. Neben Bauer und Jungfrau bildet der Prinz das Oberhaupt des Dreigestirns, welches jedes Jahr zu Beginn der Karnevalssession zum 11. November proklamiert wird und bis zur Fastenzeit und zeitgleichem Ende der Karnevalssession an Aschermittwoch symbolisch die Macht über die Stadt übernimmt. Da es zur Zeit der Entstehung des Dreigestirns im 19. Jahrhundert undenkbar war, dass eine Frau als Regentin der Karnevalsgemeinschaft eingesetzt werden könne, wurde selbst die weiblich gelesene Figur der Jungfrau von einem Mann dargestellt – abgesehen von zwei Sessionen unter nationalsozialistischer Herrschaft, unter der es noch viel undenkbarer war, durch einen Mann im Kleid repräsentiert zu werden. Die Entscheidung über die Besetzung des Dreigestirns wird oft viele Jahre im Voraus vom Festkomitee Kölner Karneval gefällt, welches es sich seit über 200 Jahren zur Aufgabe gemacht hat, das ausgelassene Feiern zu organisieren und das zugehörige Brauchtum zu pflegen. Die Aufgaben der Tollitäten umfassen, ähnlich wie bei echten Monarchen, die Präsenz auf Bühnen und Feiern, aber auch die Unterstützung von wohltätigen Organisationen – sei es in der Reichweite oder finanziell (Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e.V. 2024). Die letzten zwei Jahrhunderte wurde der Prinz, beziehungsweise das Dreigestirn, jedoch ausschließlich von Männern verkörpert.
Frauen: Auf oder hinter der Bühne?
Dennoch sind Frauen essentieller Bestandteil des Karnevals. Ob als Tänzerin, Schwadronstochter oder als oft besungene, alle Frauen vertretende Marie. Genau deshalb wird die Frage immer präsenter, warum (abgesehen von der oben genannten Ausnahme) bisher keine Frau Teil des Dreigestirns war, geschweige denn das darin wohl wichtigste Amt des Prinzen übernommen hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig.
„Es ist nicht den Menschengedanken geschuldet, dass irgendeiner sagt, es soll kein weibliches Dreigestirn geben, sondern das Dreigestirn ist einer Gesellschaft anhängend. Also du brauchst da auch jemanden der [die Ausgaben] stemmen kann. […] Die großen Vereine in Köln sind immer noch Männervereine, du hast die Traditionscorps, die ja auch sehr viele Leute versammeln, die Geld haben oder sich gegenseitig unterstützen könnten.“ – Tina
Einerseits ist die Konkurrenz sicherlich nicht allzu klein, da dieser Posten jedes Jahr nur von einer Person bekleidet werden kann. Dazu kommt, dass das Amt finanziell ein Privatvergnügen ist. Von Anschaffung des Ornats, also der maßgeschneiderten Kleidung, über großzügige Spenden für wohltätige Zwecke bis hin zur Unvereinbarkeit mit einem Vollzeitjob ist neben der zeitlichen auch eine finanzielle Investition nötig. Dabei handelt es sich je nach Einschätzungen und jeweiligem Ort der Regentschaft um fünf- bis sechsstellige Summen.
Dies sind keine grundsätzlichen Ausschlusskriterien für weibliche Prinzen, bilden aber dennoch eine geschlechtsspezifische Hierarchisierung aus soft factors. Auch gesamtgesellschaftlich sind Frauen in vielen Bereichen noch benachteiligt, beispielsweise durch den Gender Pay Gap, was die finanzielle Hürde zusätzlich erschwert. Wenn außerdem ein Beruf in Vollzeit neben der Kinderbetreuung bereits für viele Frauen eine Herausforderung darstellt, ist ein zusätzliches Amt als Prinz unerreichbar. Nach eigener Aussage des Festkomitee Kölner Karneval wird das Geschlecht der Tollitäten offiziell nicht vorgegeben (Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e.V. 2024). Dennoch scheint ein Faktor für die Auswahl der Regenten, wie so oft in Köln, ein weiterer zu sein: die Bekanntschaften, die Beziehungen, die Verbindungen – der Klüngel. Dabei ist es sicherlich nicht von Nachteil, einen Vorstandsposten, im besten Fall in einem der neun renommierten Traditionsvereinen Kölns, besetzt zu haben. Wenn man sich das genauer anschaut, fällt aber schnell auf, dass bis auf ein Tanzmariechen bei den Traditionsvereinen meist nur Männer auf der Bühne stehen.
Fastelovend: Der Ursprung des heutigen Karnevals
Um die Hintergründe der heutigen Praktiken und Traditionen verstehen zu können, bedarf es ein wenig historischer Einordnung. Der Karneval, die Fasnacht, der Fasching oder wie man das Fest nennen möchte, bei dem vor der Fastenzeit noch einmal die Sau rausgelassen wird, ist älter als der Kölner Dom: erste schriftliche Aufzeichnungen von Karneval finden sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts; der Bau des Doms begann erst 1248. Erst im frühen 19. Jahrhundert wurde aus dem Volksfest in preußisch-bürokratischer Manier ein organisiertes Event mit Regeln und Vorschriften. Als in Köln die Besatzungszeit durch französische Truppen endete, die in den vergangenen Jahrzehnten das Feiern des Straßenkarnevals untersagt hatten, beschloss ein kleines Komitee aus wohlhabenden Kölnern – den gesellschaftlichen Umständen geschuldet auch ausschließlich Männer – 1823 den ersten organisierten Rosenmontagszug zu veranstalten. Aus dieser Gesellschaft gründete sich die erste Karnevalsgesellschaft, die bis heute als „Die Große von 1823“ Bestand hat. Durch das Tragen der bunten Fantasie-Uniformen und Nachahmen der Soldaten in friedlicher Manier mit Blumen im Gewehrlauf sollten die vergangenen Jahrzehnte der Militärbesatzung persifliert werden. Diese pseudo-militärischen Strukturen, die auch in den Hierarchien und Posten von Karnevalsvereinen widergespiegelt wurden, haben sich ebenfalls bis in die heutigen Traditionen durchgesetzt (Döring 2012). Und so sind es heute genau diese Strukturen, die eigentlich ein Appell gegen das Militär und Autorität darstellen sollen, die dazu führen, dass bestehende Traditionen nicht hinterfragt und verändert werden.
„Es [ist] eine ganz schön schwierige Balance zu finden zwischen Innovation und Tradition, weil […]“Das haben wir immer schon so gemacht“ ist kein Grundsatz, nach dem man leben sollte, sondern man sollte halt jede Entscheidung, egal auf welcher Ebene, immer hinterfragen […] und auch für progressive Vorschläge offen sein und halt auch immer einfach nochmal überlegen „Okay, was ist denn der Hintergrund? Warum treffen wir Entscheidungen?““ – Emilia
Im Übrigen entstand nur ein Jahr später, 1824, eine der heutzutage wohl meistgefeierten Karnevalstraditionen: die Weiberfastnacht. In Beuel, also direkt auf der anderen Rheinseite der Karnevalshochburg Bonn, waren die Frauen es leid, dass ihre Männer im Jahr zuvor den hart erarbeiteten Lohn des Wäschereibetriebs in Köln zum Karneval versoffen hatten. Also beschlossen sie, am Donnerstag vor den eigentlichen Karnevalsfeiertagen die Arbeit ruhen zu lassen und stattdessen beim Kaffeekränzchen zusammenzukommen und auf ihre eigene Art zu feiern (Klauser 2007). Dies zeigt, dass sich Frauen sehr wohl auch schon seit Langem selbst im Karneval organisiert haben. Umso unverständlicher ist es, dass sich Frauen auch heutzutage noch eigene Wege suchen müssen, um am Karneval teilhaben zu können.
„Setz den Männern was vor, was weiblich ist, ohne es abgestimmt zu haben. Das war klar, dass das nach hinten losgeht. Also, man muss auch da schon ein bisschen schlau, die so ein bisschen austricksen.“ – Tina
Denn seit jeher trägt der Karneval, egal ob im Verein oder auf der Straße, für viele Menschen eine tiefe Bedeutung.
„Also das Konstrukt Karneval an sich ist unheimlich alt, entwickelt sich auch weiter, aber ich finde, das ist auch eine Art Wertevermittlung, eine Art Gemeinschaft.“ – Tina
Vereinsleben: Der Karnevalsverein als dritter Ort
Der organisierte Karneval im Rheinland spielt sich im größten Teil des Jahres an einem Ort abseits der Bühne ab: im Karnevalsverein. Dort werden Posten besetzt, Entscheidungen getroffen, Brauchtum gepflegt und nicht zuletzt Verbindungen und Freundschaften fürs Leben geknüpft. Auch wenn der Frauenanteil je nach Verein unterschiedlich ist, sind tragende Ehrenamtlerinnen zum großen Teil Frauen, also stellt sich die Frage, warum die Repräsentation auf der Bühne und in führenden Posten häufig ausbleibt. Dazu wurden Frauen in unterschiedlichen Rollen in rheinischen Karnevalsvereinen gefragt.
Hier braucht es einen kurzen Exkurs in die Spezifika des organisierten Karnevals, denn Karnevalsverein ist nicht gleich Karnevalsverein. Die hier relevante Unterteilung vollzieht sich anhand der Vereinsform und der damit einhergehenden Satzung.
Einerseits sind die klassischen Traditionsvereine relevant. Dazu gehören die Vereine, die vor 1926 gegründet wurden, also älter als 100 Jahre sind und von den jeweiligen Festkomitees ausgezeichnet werden. In Köln gibt es insgesamt neun Traditionscorps, darunter die bekanntesten Vereine wie die Roten Funken, die Blauen Funken, die Ehrengarde und die Prinzengarde. Das wichtigste Merkmal: In vielen Traditionscorps dürfen Frauen keine ordentlichen Mitglieder sein. Das bedeutet, dass sie zwar durchaus Aufgaben als Trainerin, Schriftführerin oder Tänzerin übernehmen, aber auf Vereinsversammlungen nicht das gleiche Stimmrecht haben wie die aktiven männlichen Mitglieder. Zudem dürfen an einigen Sitzungen, beispielsweise den Vorstandssitzungen, auch nur aktive männliche Mitglieder teilnehmen, was Frauen von vornherein davon ausschließt, einen Vorstandsposten besetzen zu können.
Unterdessen gibt es auch noch andere Vereine: Die „jüngeren“ Vereine machen mit circa 150 Gesellschaften in Köln den Großteil aus. Hier sind die Satzungen von Verein zu Verein unterschiedlich. In einem dieser Vereine ist die erste weibliche Kommandeurin im Rheinland, Emilia. In diesem Verein werden auf dem Papier keine Unterscheidungen nach Geschlecht gemacht und auch der Vorstand bestand fast zur Hälfte aus Frauen. Auch die interviewten weiblichen Mitglieder sprachen aktiv aus, dass sie keine vereinsinterne Unterschiede zwischen Männern und Frauen wahrnehmen würden.
„Und ich habe das Gefühl, jetzt gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Kommandeur und Kommandeurin. Also wenn jetzt ein Kommandeur seit acht Jahren dabei wäre, würde er, glaube ich, genauso behandelt werden. Gerade im Vorstand bei uns habe ich noch nie einen Unterschied gemerkt, also in der Vorstandsarbeit, sondern es immer eher in der Außenwahrnehmung. In der Vorstandsarbeit sind wir alle vollkommen gleichberechtigt, egal Mann, Frau, […] wie auch immer man sich liest.“ – Emilia


Mitgestaltung: Gleichberechtigung Alaaf?
Wo liegt jetzt also das Problem und an welchen Stellen gestalten Frauen den Karneval mit, wenn nicht auf der Bühne als Prinz oder als Entscheidungsträgerin im Vorstand?
Zuerst gibt es spezifisch vorgefertigte Rollen, die Frauen – sogar in Traditionsvereinen – auf der Bühne einnehmen dürfen. Als Tanzmarie, Marketenderin oder als Begleitung des Prinzen im Prinzenpaar sollen sie das Bild aufwerten, aber diese Rollen sind Ausnahmen und häufig nur eine Frau zwischen vielen Männern. Auf der Bühne nehmen sie zwar die besonderen Rollen ein, dienen aber als Galionsfigur für Männer und somit im besten Fall der visuellen Repräsentation der Kategorie „Frau“. Sie sind kein „richtiges“ Mitglied und haben kein vollständiges Stimmrecht. Im Sinne des Tokenism nach Rosabeth Moss Kanter lassen sich diese Frauen als Tokens verstehen, die zwar hochgradig sichtbar sind, aber keine reale Entscheidungsmacht bezüglich der Mitgestaltung des Vereinsleben besitzen. Auch entsteht ein höherer Leistungsdruck von außen und Anspruch an sich selbst, sich in den männerdominierten Strukturen „beweisen“ zu müssen (Krüger 2007).
„Das heißt […] wir haben tatsächlich Stimmrecht auf […] [der] Hauptversammlung beispielsweise, aber ansonsten, […] ist es leider wie so häufig in so männerdominierten Sachen, dass wir Frauen nicht so viel zu sagen haben.“ – Marie
„Aber es ist halt einfach super schwierig, irgendwas umzusetzen, weil die alten Männer da oben sitzen und sagen: „Nee, das machen wir nicht, weil das haben wir noch nie so gemacht.“ Das ist einfach super anstrengend.“ – Tina
„Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir generell klein geredet werden, dadurch, dass wir auch so wenig Meinung und Mitspracherecht haben. Das würde mir als Typ natürlich in so einem großen Verein auch nicht passieren. […] Man muss sich schon so ein bisschen beweisen.“ – Marie
Es gibt sie außerhalb der Traditionsvereine: Frauen in Vorstandspositionen, Damengesellschaften, die sich eine eigene Form des Karnevals aneignen oder wie beim Beispiel der 1. Damengarde Coeln schlicht die Rollen tauschen. Und auch weibliche Prinzen, Bauern und komplette Dreigestirne sind außerhalb Kölns zu finden, wenn auch immer noch die Ausnahme wie in der Session 2019/2020 in Pulheim. Im Interview mit der ersten weiblichen Kommandeurin im Rheinland kam aber ans Licht, dass der Weg dorthin nicht selbstverständlich war. Auch, wenn im Verein nach eigener Aussage inzwischen Gleichberechtigung herrsche, musste sich die weibliche Kommandeurin dennoch mehr beweisen als ihre männlichen Vorgänger. Die Kritik kam dabei übrigens nicht nur von Männern, sondern auch von anderen (jungen) Frauen innerhalb des eigenen Vereins. Dies lässt sich erklären mit dem Prinzip der männlichen Herrschaft von Pierre Bourdieu, insbesondere dem Aspekt der Inkorporierung dieser konstruierten sozialen Ordnung von symbolischer Gewalt. Die erlernte Rollenaufteilung von Männern als „Herrschern“ und Frauen als „Beherrschten“ wird als natürlich wahrgenommen, obwohl sie sozial konstruiert ist. Dies führt dazu, dass bestehende Systeme zum Beispiel in der politischen Repräsentation oder Arbeitsteilung häufig nicht hinterfragt werden. Stattdessen wird die symbolische Gewalt, die durch die vermehrte Anerkennung, die Männer in Führungspositionen erhalten, hingenommen (Fröhlich und Rehbein: 2014).
„Gerade am Anfang, als ich Kommandeurin geworden bin, war ich 22, haben mich alle auch wirklich so behandelt wie das kleine junge, dumme Mädchen. Das hat sich aber geändert. Je länger ich Kommandeurin bin und auch wahrscheinlich je älter ich bin und auch je bekannter oder, dass ich halt einfach dabei geblieben bin und je mehr sich das rumgesprochen hat, desto mehr […] werde ich auch respektiert“. – Emilia
„Ich merke das immer, vor allem jetzt bei uns in der Mädelstanzgruppe, dass einfach auch diese Ansichten so in meinem Kopf normalisiert sind über die Jahre, dass ich gar nicht mal so richtig hinterfrage, warum wir manche Dinge tun, wie wir sie tun.“ – Marie
Frauen sind ein essentieller Bestandteil im organisierten Karneval. Reproduktive Aufgaben und Ehrenämter wie Tanzen, Trainieren, Betreuen, Schneidern, Organisation, sind grundlegende und wichtige Aufgaben, gehen aber mit wenig vereinspolitischer Entscheidungsmacht sowie Bühnenrepräsentation einher. Genau diese Aufgaben werden aber oft eher von Frauen übernommen. Bedingt ist dies einerseits durch hard factors, beispielsweise Vereinsstrukturen, wenn keine andere Option der Teilhabe übrig bleibt. Andererseits entsteht diese Zweiteilung auch in theoretisch gleichberechtigten Vereinen durch soft factors. Die Übernahme von Aufgaben erfolgte häufig weniger aus einem intrinsischen Wunsch heraus, sondern eher durch Notwendigkeit und Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Verein. Tine Haubner und Laura Boemke (2022) erklären die Reproduktionsarbeit durch Frauen im Ehrenamt mit dem Prinzip der Vergeschlechtlichung von Fürsorge. Dabei wird zwischen männlich konnotierten Leitungsaufgaben und weiblich konnotierten Beziehungs- und Sorgeaufgaben unterschieden. Letztere umfassen solche „unsichtbare“ Arbeit wie Trainieren, Schneidern und Betreuen, die mehrheitlich von Frauen übernommen werden. Ohne diesen „Care-Mehrwert“ könnte der Vereinsbetrieb nicht aufrechterhalten werden. Und auch die Fürsorge durch die Kommandeurin für ihren Verein kann als vergeschlechtlicht gesehen werden, da sie die Position nicht aus einem Wunsch nach Prestige angenommen habe.
„Die Rolle der Kommandeurin habe ich aus Pflichtgefühl angenommen und bin auch immer noch aus Pflichtgefühl Kommandeurin.“ – Emilia
„Also, ich würde sagen, der Grundsatz ist, ich liebe das Tanzen und liebe Tanzen im Karneval in der Gruppe und alles andere kam halt dazu.“ – Tina
„Ich war direkt so „Ja klar, ich mach das!“ ohne eigentlich genau so zu wissen, was mich da erwartet. Einfach weil ich mich so gefreut hab, dass das weitergeht. Weil, weil keiner weiß, wie die Tanzgruppe sich entwickelt. Und ich hatte trotzdem die Möglichkeit, im Verein zu bleiben.“ – Marie
Dä Plan: Mer schrieve Jeschichte
Während die ehrenamtliche Reproduktionsarbeit von Frauen den Vereinsalltag aufrecht erhält, werden diese im traditionellen Vereinskarneval dagegen aktiv von Macht, Mitbestimmung und zentralen Vereinsstrukturen ausgeschlossen. Auch in offeneren Vereinsstrukturen ist die ehrenamtliche Arbeit vergeschlechtlicht, sodass Frauen weniger Anerkennung erhalten.
Es geht also gar nicht so sehr um die individuelle Ebene oder darum, dass nur noch Frauen Prinz werden sollten. Aber die Leistung von Frauen, die sie entgegen aller Hürden erbringen, muss sichtbar gemacht werden. Übrigens nicht nur im Karneval. Sondern überall da, wo Systeme sich darauf verlassen, dass Frauen unbezahlte und unsichtbare Arbeit leisten.
Um das zu erreichen, muss die gläserne Decke durchbrochen werden, die zwar schon einige Risse hat, aber dennoch so hartnäckig ist wie die Erkältung nach Aschermittwoch.
Im Übrigen eröffnet sich ein weiteres Thema dadurch, dass die binäre Geschlechterunterteilung in Männer und Frauen im organisierten Karneval noch sehr verfestigt ist. Die Repräsentation von Menschen abseits der traditionellen Geschlechtervorstellungen im organisierten Karneval ist noch seltener bis nahezu nicht existent. Obwohl die Repräsentation von Homosexualität mit dem Kölner Dreigestirn von 2025/26 und auch Offenheit gegenüber Geschlechterrollen durch die Normalisierung der Jungfrau als Mann in Frauenkleidern ein liberales Weltbild darzustellen scheint, liegt ein vollständig integrativer Karneval noch in ferner Zukunft.
„Also ich finde, es bewegt sich in die richtige Richtung, aber es bewegt sich immer noch langsamer als unsere Gesellschaft. Aber es bewegt sich, und das finde ich wichtiger, als dass es sich zeitgleich und zusammen bewegt, sondern, ich finde, es reicht schon, dass es sich wenigstens bewegt. […] Ich glaube aber wir werden nie an den Punkt kommen, wo es stehen bleibt. Ich glaube, es muss sich einfach nur bewegen.“ – Tina
Einen Anfang dafür schafft die musikalische Antwort von Kempes Feinest auf „Eimol Prinz zo sin“ mit ihrem Plädoyer für ein weibliches Dreigestirn. In „Prinz“ drückt Sängerin Nici Kempermann ihre Utopie von einem Karneval nach ihren Vorstellungen aus:
„Ich wünsch mer nur, einmol Prinz ze sin
Un dat he in Kölle am Rhing
En nem Dreijesteen voller Östrojen
Saach, wie krieje ich dat bluß hin
Einmol Prinz zе sin?
Villeich fällt ja einem jet en“
Foto im Header: Klein, Ralf. 2025. Two in One. 03. März 2025.Tag. Monat. Jahr. Beitrag aus Facebook-Album. Ehrengarde Sankt Augustin Hangelar von 1988 e.V.. https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1046597904175235&set=pb.100064751050576.-2207520000&type=3 [letzter Zugriff 12.01.2026].
Akademie för uns kölsche Sproch. 2024. ‘Eimol Prinz zo sin. Materialien für den Unterricht’ (Köln: SK Stiftung Kultur) https://www.koelsch-akademie.de/fileadmin/user_upload/www.koelsch-akademie.de/Priskas_Projekte/Koelsch_foer_Paenz/Materialien/Arbeitsblaetter/Unterrichtsmaterial/Medienarchiv__Lieder-_und_Hoerbeispiele/Eimol_Prinz_zo_sin.pdf [letzter Zugriff 14.07.2026].
DeWaal, Jeremy. 2013. ‘The Reinvention of Tradition: Form, Meaning, and Local Identity in Modern Cologne Carnival’, Central European History, 46(3), 495–532.
Döring, Alois. 2012. ‘Wider den Frauenausschluss vom Karnevalsgeschehen: Eine Skizze zur Rolle der Frauen im rheinischen Karneval’, in Georg Cornelissen, Alois Döring, and Dagmar Hänel, eds., Alltag im Rheinland 2012 (Bonn: LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte), 26–39.
Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e.V. 2024. ‘Unsere Aufgaben’ (Köln: Festkomitee Kölner Karneval) https://koelnerkarneval.de/festkomitee/unsere-aufgaben [letzter Zugriff 14.07.2026].
Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e.V. 2024. ‘Kölner Dreigestirn’ https://koelnerkarneval.de/koelner-dreigestirn [letzter Zugriff 14.07.2026].
Fröhlich, Gerhard, and Boike Rehbein, eds. 2014. Bourdieu-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung (Stuttgart: J. B. Metzler).
Haubner, Tine, and Laura Boemke. 2022. ‘Gespaltene Fürsorge: Sorgeberufe zwischen Professionalisierung und Freiwilligenarbeit’, Open Gender Journal, 6 (Berlin: Open Gender Journal).
Heimann, Heinz-Dieter. 1989. ‘Gegenfeste im Spektrum stadtbürgerlicher Kultur und gesellschaftlichen Wandels: Über Prozessions- und Fastnachtsfeiern als Medium und Zeigefelder partizipatorischer Botschaften’, Mediaevistik, 2, 173–184.
Kempes Feinest. 2024. ‘Prinz’, YouTube https://www.youtube.com/watch?v=i_254dY1YV4 [letzter Zugriff 14.07.2026].
Klauser, Helene. 2007. Kölner Karneval zwischen Uniform und Lebensform (Münster: Waxmann Verlag).
Krüger, Petra. 2007. Geschlechterdifferenzierungen im ehrenamtlichen Engagement: Drei Organisationen im Vergleich, Dissertation (Tübingen: Eberhard-Karls-Universität Tübingen).
Niekrenz, Yvonne. 2014. ‘The Elementary Forms of Carnival: Collective Effervescence in Germany’s Rhineland’, The Canadian Journal of Sociology / Cahiers canadiens de sociologie, 39(4), 643–666.
Als gebürtige Rheinländerin und langjährige Tänzerin und Trainerin, die seit Jahren sowohl in kleineren Dorfvereinen als auch traditionellen Garden aktiv ist, ist der organisierte Karneval für mich mehr als nur ein Hobby. Wie für viele andere Jeck*innen fällt es schwer zu erklären, warum man so viel Zeit, Geld, Blut, Schweiß und Tränen in ein Fest investiert, dass nur einmal im Jahr seinen Höhepunkt hat.
Ich bin dankbar für alle Menschen, mit denen ich Verbindungen über den Karneval geknüpft habe, die mich unterstützen und diese Leidenschaft teilen. Insbesondere danke ich meinen Interviewpartnerinnen für ihr Vertrauen und ihre Offenheit.
Ohne die vielen Menschen, die ihr Bestes für den Karneval geben, verurteilen zu wollen, hoffe ich, mit diesem Beitrag eine selten gehörte Perspektive zu eröffnen, sodass ein Karneval der Zukunft vorstellbar wird. Brauchtum und Fortschritt müssen sich nicht ausschließen.
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