„Ich sehe dich“: Gemeinschaft und Begegnung durch Tanz neu denken

Ich kam an und sah tanzende Menschen.

Ich kam an und sah tanzende Menschen. Tanzende Menschen unter dem freien Himmel. Unglaublich schien mir dieser Ort, so wie keiner sonst auf der Erde. Ich kam an, nahm Platz irgendwo in der Menge und fing an mich unter dem freien Himmel zu bewegen.

So begann meine Reise im Green Lagoon vor ein bisschen mehr als einem Jahr. Green Lagoon ist ein Free Style Training-Space in Köln. Ein Freund lud mich ein, die tanzenden Menschen zu joinen. Ich tanzte, als wäre ich unbeachtet, aber ich freute mich auf die Gemeinschaft. Um 21Uhr begannen die „Lines.“ Eine Reihe von Menschen stand der anderen Reihe gegenüber. Das Ziel war, sich auszutauschen, d.h. du beobachtest mich beim Tanzen, ich beobachte dich danach. Erschreckend, oder? So war es auch. Aber nur die ersten paar Sekunden. Als ich fertig war, sah ich ein freundliches, lächelndes Gesicht mir gegenüber und ich war froh, sogar ein bisschen stolz auf das, was ich gerade getan hatte. Mein Partner für die Runde tanzte vor mir. Das war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Berührt verließ ich die Runde, dass jemand etwas so Wertvolles und schön mit mir geteilt hatte. Genau so wertvoll und intim, wie das, was ich eben geteilt hatte.

Ich kam wieder in das Space und freute mich jedes Mal neu auf den Austausch. Erwartungsvoll trainierte und wartete ich auf den schönsten Teil des Abends. Nach ein paar Monaten spürte ich Veränderung in mir. Die Welt und die Menschen schienen mir anders. Mein Körper war nicht mehr nur ein Körper, sondern war ein Tool für Ausdruck, er war Kreation. Andere Menschen waren nicht nur externe Körper, sondern schöne Formen des Ausdrucks eines anderen Universums, mit eigener Geschichte, mit eigenen Gefühlen, die mit mir geteilt wurden und die ich deswegen ehren musste. Diese Veränderung war nicht nur beschränkt auf dem Basketballplatz, – der Ort, wo Green Lagoon stattfindet – sondern erweiterte sich überall, wo ich später hingeging.


Dieses Projekt begann mit der Frage: Was passierte mir da? Und vor allem: Warum? Warum konnte etwas so „Harmloses“ wie Tanzen so viel in mir bewirken? Und was mit meinen Mitmenschen? Spüren sie das dasselbe? Was passiert denn mit uns? Wie heißt es denn, was wir hier gemeinsam erleben? Das Projekt heißt “Ich sehe dich”, weil ich hier zuerst gesehen wurde. Und das war nicht irgendein Blick, sondern das war ein Blick der Wertschätzung in einem sehr intimen Moment – wenn ich gefreestyled  habe. Dann habe ich gelernt, wie ich dich sehen kann. Mit demselben Blick, der mir so viele Türe eröffnet hat.

Diese Arbeit ist die Zusammensetzung von Eindrücken und Erlebnissen, die ausmachen, wie ich das Space bisher verstanden habe. Ich möchte an diese Stelle meinen Interviewpartner*innen danken und all den Menschen, die meine Fragen beantwortet haben und mir alles erklärt haben und auch all denjenigen, die mit mir ihre Perspektive geteilt haben. Sie sind leider nicht alle im Endprodukt zu sehen oder zu hören, aber eure Kommentare sind wichtige Teile dieser Arbeit geworden.


Die Ergebnisse dieser Arbeit sind alles, aber nicht endgültig. Ich merke selbst, dass mein Blick auf das Space sich ändert, je länger ich mich da aufhalte. Deswegen sehe ich es auch ein, dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und unterschiedlichen Erfahrungsgraden in das Space jeweils ganz anders es erleben. Daher hier meine Bitte an alle Tänzer*innen, ihre Geschichte zu teilen, laut Sachen zu hinterfragen und das auch in irgendeiner Form niederzuschreiben. Unsere Erfahrungen an diesen Plätzen sind wertvoll und ich bin mir sicher, sie haben das Potential, die Welt zu verändern.


Mit so viel Gesagtem möchte ich nun meine Analyse beginnen. Sie findet im offenen Training Green Lagoon statt. Meine Frage lautet: Wie gestalten wir Tänzer*innen in diesem Raum Begegnungen und eine Gemeinschaft der Fürsorge (Care)? In dieser Arbeit fokussiere ich mich vor allem auf Handlungen, und Wissen, die (meistens) unausgesprochen weitergegeben werden, die aber die Free Style Szene, und vor allem Green Lagoon grundlegend prägen.

Das Space eröffnet sich. Ich komme in dem Space rein und gleichzeitig nehme ich Platz ein. Ich treffe andere Menschen neben mir, die sich auch in den ´Space´ hineingeben. Ich beobachte sie. Sie inspirieren mich. Gleichzeitig weiß ich, dass ich auch beobachtet werden kann. Mich hat diese Tatsache anfangs erschreckt. Wenn man allein mit seinem Körper in einem öffentlichen Raum ist, fühlt sich das anfangs sehr intim, oder anders gesagt, vulnerabel an. Vor allem, wenn man nur gewohnt ist, stets allein im Zimmer so frei mit dem Körper umzugehen. Was macht man dann in dieser Situation? Einen Akt der Überwindung bedarf es, und dann fängt man an, auf den Körper zu hören. Immer wieder von Neuem muss man sich trauen. Wie kann es sein, dass ein Raum solche Überwindung unterstützen kann, und was muss ich verstehen, damit es mir einfacher gelingt?

Solche Begegnungen habe ich öfters erlebt, oft als Tänzerin, manchmal aber als Wissenschaftlerin. Es kostete jedes Mal einen Akt der Überwindung, manchmal klein, manchmal groß. In der Zeit habe ich immer wieder über meine Präsenz im Raum nachgedacht, und darüber nachgedacht, was ich wissen sollte, wenn ich einen solchen Raum betrete. Zum einen muss ich verstehen, was ich zeige (meine Identität), dann was ich im Raum machen kann (meine Teilhabe) und zuletzt, was meine Einstellung im Raum ist.

Anhand dieser drei Kategorien möchte ich die Begegnungweisen im Green Lagoon analysieren. Diese Gedanken habe ich nicht ganz allein formuliert, sondern sie entstanden in der Begegnung mit den anderen, sowie auch in den Gesprächen, die ich mit meinen Mittanzenden angeregt hatte.

„- Was feierst du, wenn du jemanden im Cypher beobachtest? 
– Diese Identity, wenn die durchkommt. Das feier ich.“

„- Hallo, ich bin Sofia
– Hi, ich bin… Und was tanzt du?“

Und was ist denn Identität, wenn nicht das, wodurch man sich mit anderen Menschen verständigt? Identität zeigt, woher du kommst. Sie lässt deine Geschichte durchstrahlen. Deine Vergangenheit zeigt sich in dem, wer du hier und jetzt bist. Wer bin ich aber, wenn ich in diesem Raum ankomme?

Meine Identität in diesem Raum hängt nicht von meinem Beruf ab. Sie hängt weder von meinem Bildungsniveau, noch von meiner Religion, noch von meiner sexuellen Orientierung ab. Meine Identität in diesem Raum hängt erstmal von meiner Körpersprache ab: zu welcher Tanzkultur würde ich mich zuordnen? Welche Tanz-Sprache spreche ich? Als ich in diesem Raum ankam, musste ich erstmal herausfinden, wer ich überhaupt in meinem Körper bin.


Klingt das erschreckend? Es klingt wahrscheinlich völlig fremd. So ist es auch, wenn man darüber nachdenkt, was zeige ich überhaupt, wenn ich mich bewege? Wenn man improvisiert, gibt man ein Stück weit die Kontrolle über den eigenen Körper ab und lässt ihm den Freiraum, sich mit der Musik frei zu bewegen. Vor allem erschreckend wird es, wenn man überhaupt nicht weiß, was man tut. Was ist dann meine Identität? Sie baut sich auf aus den folgenden Bausteinen:

Foundation:

Foundation bezeichnet die Basis für deinen Tanz, aber von einem Tanz, der sich in einer gewisen Kultur verortet und da Wurzeln schlägt. Foundation ist die Kenntnis von bestimmten Bewegungsabfolgen, Geschichte, Namen, aber auch von einer bestimmten Form die Musik zu hören und zu verkörpern.

Personal Exploration:

Man erkundet hiermit die einzigartige Bewegungsart des eigenen Körpers. Es ist wichtig hierfür, sich den Raum zu lassen, von der eigentlichen Technik wegzukommen. Vielleicht unterstützt man sich mit Konzepten.


Beide Elemente erkundet man durch die Beobachtung von den anderen. Ein Tanzaustausch ist viel mehr als nur jemanden beim Tanz zu beobachten. Das ist die Art und Weise, wie Information weitergegeben wird. Die Bewegungssprache einer Person, die länger in dem Space gewesen ist, kann der Person, die neu im Raum ist, als Inspiration und Nachahmungsquelle dienen.
Über die Tanz-Sprache hinaus, wenn man in den Raum eintritt, schaut sich man alles erstmal an. Man nimmt einmal den Raum wahr, man beobachtet: Wie verhalten sich die Menschen, was ist die generelle Atmosphäre, hin zu den möglichen Gesprächen mit den ‚Alten.‘ Bei dem Austausch mit anderen Menschen, findet man langsam seinen Platz im Raum, nicht nur im Trainingskontext, sondern ist es eine Möglichkeit, sich in eine Kultur zu begeben. Eine Subkultur, eine Sub-Welt, der man mit Respekt begegnen muss, und Respekt gibt man durch den Prozess des Kennenlernens.
In diesem Raum wird Identität weitergegeben, und auch von dem Individuum konstruiert. Das Prinzip ‘Each One Teach One’ ermöglicht, dass man Menschen im Space findet, die dir Informationen geben können. Tanzschritte und Techniken sind ein wichtiger Teil der Identität, dennoch sie bedürfen sie der Authentizität. Und das ist, was die Menschen im Space vor allem schätzen: Wenn man diese Information nicht nur wiedergibt, sondern wenn diese Information in deinem Körper kontextualisiert und ins Leben gerufen wird. Was ist denn DEINE Tanzsprache? Es geht nicht darum, dem Schritt perfekt zu folgen, sondern es geht vielmehr darum, was DU mit diesem Schritt machst. Authentizität. Das schätzen die Menschen.

Teilhabe

Weißt du wie Magneten funktionieren? Sie funktionieren nur, weil alle ihre Teile in dieselbe Richtung ziehen. Solche magnetische Kraft gibt es in diesem Raum auch. Das entsteht durch unsere Aufmerksamkeit und durch Commitment. Wenn jemand tanzt, muss man aufmerksam beobachten. Wenn jemand offen für etwas ist, das funktioniert nur, wenn die anderen diesen Raum halten, wenn alle ihre Tatkraft, Aufmerksamkeit und Mühe darauf lenken. So wird ein Raum gemacht. Wenn jemand sich vulnerabel zeigt, soll man nicht weggucken, sondern Präsenz zeigen. Nur so kann ein Raum wie Green Lagoon funktionieren, weil die Menschen selbst die größte und wichtigste Infrastruktur sind.

Sie sind diejenigen, die den Raum nicht nur materiell gestalten, sondern auch mit Musik, und Handlungsweisen. Deswegen weiß man nie, was genau an dem Tag in Green Lagoon passieren wird, dennoch weiß man, dass die Menschen versuchen werden, diese Energie zu halten, damit alles möglich wird. Die Menschen im Raum entscheiden durch selbstständige Teilhabe und eigene Initiative, was im Raum passieren wird. Jede ist willkommen, sich zu zeigen, wie man ist, und vor allem, Begegnungsformen auszusuchen, die an dem Tag passen. Im Raum kann man:

Tanzen
Zugucken
Spielen
Aufwärmen
Quatschen
Dokumentieren (Fotos oder Videos machen)

Tänzer*innen loben Green Lagoon für die Offenheit und die Willkommenskultur. Selbst mir wurde von Anfang an gesagt, ich dürfte Musik abspielen. Ich erinnere mich einmal, dass ich mir ein Lied für den Abend gewünscht habe. Ich dachte sicherlich würden das nachher alle vergessen. Ich war aber sehr überrascht, als ich Monate später dasselbe Lied bei den Lines anspielte und es schon in die Green Lagoon Playlist eingefügt worden war. Das war ein sehr besonderer Moment. Es hat sich angefühlt, als würde ich zu dem Raum dazugehören, in dem Space embraced  und willkommen geheißen. Dieses Gefühl wiederum hat mich auch empowert, mehr Space einzunehmen. Das ist so, wenn man sich in die Community aktiv sich hineingibt, schafft man mehr Raum für sich selbst. Vor allem ist es toll, wenn die Gemeinschaft, das, was man hineingibt, embracen kann. Green Lagoon ist aber dafür bekannt.

Einstellung

Wenn die Person sich selbst schon überwunden hat und angefangen hat, sich in dem Space frei zu bewegen, was passiert dann mit ihr? Und wenn du weißt, dass alle Personen um dich herum diese Überwindung teilweise selbst noch erfahren müssen, oder das schon oft genug erlebt haben, was macht das mit dir? Ich beobachte diesen Moment der Überwindung bei anderen und bin dankbar, dass ich das miterleben durfte. Darf ich dasselbe für mich erwarten, wenn ich beobachtet werde?

Als ich das erste Mal vor jemandem getanzt habe, war das eine extrem intime Erfahrung. Ich war komplett durchschaubar. Alles, was ich getan habe, bewusst oder unbewusst, wurde zur Schau gestellt. Das ist besonders schwierig in einer Gesellschaft, die dir sagt, für den Körper muss man sich schämen. Eine Gesellschaft, die ihre ideellen Vorstellungen von „schönen“, „guten“, „richtigen“ Körpern ständig vor deine Nase legt. Wenn du nicht „richtig“ tanzt, wenn du zu groß aussiehst, wenn du Stärke und Sicherheit nicht ausstrahlst und bist, was macht das mit deinem Körperausdruck? Zudem wird der freie Ausdruck schwieriger in einer Gesellschaft, die dir noch nie beigebracht hat, dich frei zu bewegen, und dir deinen Körper zu eigen machen und ihn egal wie durch Bewegung zu embracen.

Diese Scham teilen viele Menschen in der Gesellschaft als in ihrer Körpererfahrung. Das Gefühl (noch) nicht genug zu sein ist universell und ich kann mir vorstellen, dass die Disziplinierung des Körpers uns dazu bringt, nicht mit uns selber zufrieden zu sein, wenn wir nicht ganz dieser vollkommene Mensch sind.


Im Gegensatz dazu steht die Erfahrung, einen Ort gefunden zu haben, der dich einlädt, dich mit allen Farben zu zeigen. Menschen, die das noch nie getan haben, gucken zu und lassen sich bewundern von den Menschen, die das schon tun, und die das vor allem gut tun. Langsam wird man ermutigt daran teilzunehmen. Ich habe angefangen, meine Bewegungen zu teilen und das als Akt der Wertschätzung dessen zu sehen, was ich von den anderen gesehen habe. Ich hatte verstanden, dass diese Erfahrung nichts Einfaches ist. Nachdem ich geteilt und diese Wertschätzung zurückbekommen habe, habe ich ein grundlegendes Prinzip im Raum verstanden: ‚Come as you are‘, so wie das Lied sagt, ist das Motto für einen Austausch bei Green Lagoon. Egal an welcher Stelle deiner tänzerischen Reise du dich befindest, egal ob Anfänger, Advanced oder OG, jeder hat mitzusprechen, und was zu einem größeren Gemeinsamen beizutragen.

Wenn man im Zentrum der Blicke steht, im Austausch Moment (Lines oder Cypher) stellt man sich man verletzlich dar (vor allem wenn man neu ist). Man kann diese Vulnerabilität im Laufe der Karriere steuern, aber man kann nie awkward Momente vermeiden. Das Gefühl kennt jede*r. Vulnerabilität braucht Raum. Sie braucht von Aufmerksamkeit, sie muss gesehen werden von einem wertschätzenden, unterstützenden Blick. Habe ich das einmal verstanden, kann ich anfangen, diese Erfahrung mit den anderen zu teilen und diesen Blick weiterzugeben. Im Laufe der Zeit bekam ich mehr Bewusstsein dafür, ob und wann ich anderen beurteilt habe. Weil, warum sollte ich jemanden berurteilen, wenn ich das nicht bei mir möchte? Das war anfangs ein Schutztmechanismus, dennoch hat sich das auf anandere Sphären meines Lebens ausgedehnt. Auch so traue ich mich mehr, mich anderen Menschen so zu zeigen, wie ich bin. Heute kann ich sagen, dass diese Erfahrung der geteilten Vulnerabilität das ist, was mich am meisten verändert und befreit hat.

Konklusion

Green Lagoon hat mir gezeigt, dass die Free Style Szene in Köln weit über das Tanzen hinausgeht. Green Lagoon ist ein sozialer und kultureller Raum, in dem Begegnung, Zugehörigkeit und Fürsorge aktiv hergestellt werden. Tanz übt hier ein transformatives Potential aus, als Form von Austausch, durch den Menschen sich zeigen, sich gegenseitig wahrnehmen und gemeinsam aushandeln, wie Gemeinschaft entstehen kann.

Im Zentrum dieser Erfahrung steht die Vulnerabilität. Wer sich im Cypher, in den Lines oder allgemein im freien Ausdruck zeigt, macht sich sichtbar und damit auch verletzlich. Gerade darin liegt jedoch das transformative Potenzial des Raumes. Denn diese Verletzlichkeit bleibt nicht unbeantwortet: Sie wird aufgefangen durch Aufmerksamkeit, Präsenz und einen wertschätzenden Blick der anderen. Green Lagoon macht so erfahrbar, dass Fürsorge (Care) nicht nur im Privaten stattfindet, sondern auch im öffentlichen Raum entstehen kann – als kollektive Praxis zwischen Menschen, die sich vielleicht nicht lange kennen, aber dennoch Verantwortung füreinander übernehmen.

Für meine Wahrnehmung ist der Austausch von Wissen Teil von Care-Praktiken in dem Raum. Das ist der kollektive Versuch, dass jede*r im Raum, der*die regelmäßig Commitment zeigt, mitsprechen kann und dass er*sie sich in dem Raum findet. Das Prinzip “Each One Teach One” beschreibt deshalb nicht nur eine Lernmethode, sondern auch eine soziale Haltung und eine Form des Carings. Diejenigen, die schon länger Teil des Raums sind, geben Orientierung, Inspiration und kulturelles Wissen an die neuen Generationen weiter, damit so viele wie möglich sich davon profitieren können. Neue Teilnehmende bringen im Gegenzug nicht einfach einen Mangel an Erfahrung mit, sondern lassen sich auf den Raum und auf den Austausch ein. Das wird wertgeschätzt als ein mutiger Akt, der später mit Respekt in der Szene ausgezeichnet wird. Identität ist deswegen in diesem Raum nicht fest, sondern entsteht in einem Prozess des eigenen Kennenlernens in Relation mit den anderen Personen im Raum. Sie zeigt sich in Bewegung, in Foundation, in persönlicher Exploration und in der Art, wie Menschen miteinander in Kontakt treten. In Authentizität. Sie eröffnet einen Raum, in dem Menschen nicht normiert auftreten müssen, sondern in ihrer jeweiligen Unvollkommenheit und Eigenheit willkommen sind. Genau darin liegt die Macht solcher Tanzsessions, die eine offene Willkommenskultur embracen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Green Lagoon exemplarisch zeigt, wie in der Kölner Free Style Szene eine Gemeinschaft der Fürsorge entsteht. Diese Gemeinschaft basiert nicht auf Hierarchie oder Verpflichtung, sondern auf geteilter Verletzlichkeit, gegenseitiger Anerkennung und der Bereitschaft, sich selbst wie auch andere in ihrem Ausdruck ernst zu nehmen. Der Blick auf die anderen verändert dabei auch den Blick auf sich selbst. Wer gesehen wird, lernt zu sehen; wer Wertschätzung erfährt, kann sie weitergeben. Gerade darin liegt die besondere gesellschaftliche Relevanz solcher Räume: Sie schaffen Möglichkeiten, Begegnung neu zu denken – als eine Praxis von Respekt, Offenheit und gegenseitigem Empowerment.

Butler, Judith. 2018. ‘Politik, Körper, Vulnerabilität. Ein Gespräch mit Judith Butler’, in Tatjana Schönwälder-Kuntze, Sergej Seitz, and Gerald Posselt, Hrsg., Judith Butlers Philosophie des Politischen: Kritische Lektüren (Bielefeld: transcript Verlag), 299-322.

Bell, Shamell, und d. Sabela Grimes. 2022. ‘Street Dance Activism & Black Liberation’, Conversations Across the Field of Dance Studies, 41(0) https://journals.publishing.umich.edu/conversations/article/id/2354/print/ [letzter Zugriff 21.7.2026].

Brannigan, Erin, und Nalina Wait. 2018. ‘Non-Competitive Body States: Corporeal Freedom and Innovation in Contemporary Dance’, in Sherril Dodds, Hrsg., The Oxford Handbook of Dance and Competition (New York: Oxford University Press), 283-304.

Chehata, Yasmine, Jinan Dib, Asmae Harrach-Lasfaghi, Thivitha Himmen, Ahmet Sinoplu, und Nils Wenzler. 2023. Empowerment, Resilienz und Powersharing in der Migrationsgesellschaft: Theorien – Praktiken – Akteur*innen (Weinheim/Basel: Beltz Juventa).

Garcia-Mispireta, Luis Manuel. 2023. Together, Somehow: Music, Affect, and Intimacy on the Dancefloor (Durham: Duke University Press).

Nimführ, Sarah. 2020. ‘Liminalität’, in Timo Heimerdinger, und Markus Tauschek, Hrsg., Kulturtheoretisch argumentieren. Ein Arbeitsbuch (Münster: Waxmann Verlag), 270-293.

Thelen, Tatjana. 2014. ‘Theoretische Grundlegung’ in Care/Sorge. Konstruktion, Reproduktion und Auflösung bedeutsamer Bindungen (Bielefeld: transcript Verlag), 23-44.

Mein Name ist Sofia Salvatierra, bin 27 Jahre alt und Ich bin Tänzerin. Ich habe die Free Style Szene vor über einem Jahr entdeckt. In Deutschland, wo Tanzen nicht so üblich ist wie in meinem Heimatland, habe ich immer nach Möglichkeiten zum Tanzen gesucht. Vor allem deswegen war dieser Ort besonders magisch für mich, da man sehr viel lernen kann im Austausch mit anderen Menschen, kostenlos, drucklos, kreativ, ohne die Aufsicht einer Tanzschule.


Mir ist es bewusst, dass meine positiven Erfahrungen in meinem Feld mich nicht besonders neutral bei der Betrachtung machen. Man muss auch noch dazu erwähnen, dass die Interviewpartner*innen vor allem Menschen sind, die sich in dem Space länger aufgehalten haben und die einen gemütlichen Umgang in dem Ort schon gehabt haben.


Diese Recherche hat sich vor allem auf das Potential solcher Orte fokussiert und nicht auf die Nachteile, die wegen solcher Begegnungen entstehen können. Dennoch möchte ich an dieser Stelle auf weitere Recherche in der Free Style Szene und vor allem auf die Kommunikation durch nicht-gesprochene Kunst ermutigen. Mögliche Fragestellungen könnten lauten: Wie verhandelt man Exklusion und Inklusion in diesen Kontexten? Wer trägt Entscheidungen innerhalb X Szene? Wie funktioniert, genauer betrachtet, non-verbale Kommunikation?


Vielen Dank an die Free Style Tanz Szene, an alle Co-researchers (Interview-Partner*innen vor allem) und an all die Menschen, die kollaboriert haben (Gesprächspartner*innen, Tänzer*innen, Freund*innen, u.a.).

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3 Antworten

  1. Holi! Bitte hinterlässt eure Kommentare (vor allem, wenn du mit einem Punkt nicht einverstanden bist) mit Respekt und mit einer Caring-Einstellung :). Vielen Dank für’s Lesen!

  2. Liebe Sofia

    Sehr schöne Zusammenstellung all dessen, was Tanzen ausmacht. Wir brauchen einen Raum, Gleichgesinnte, die das Lächeln lieben, sich gegenseitig helfen und tolerant miteinander umgehen. Alldies bietet dein Artikel, also genieße es.

    Darüber hinaus ist Tanzen politisch. Dazu sende ich allen, die das fröhliche, freie Tanzen lieben einen Aufruf der von mir sehr geliebten Lindy Hop Freunde in Magdeburg

    https://swing39.de/kulturpolitisches-statement/

    im schwer geprüften Sachsen-Anhalt.

    Denn dort droht nach dem Programm einer Partei offenbar der gefürchtete “Stechschritt”, ein Tanz, der sich schon einmal mit fatalen Folgen eingeschlichen hat.

    Wenn du einmal viele lachende Gesichter und ausgelassenen Paartanz beim social dance in Köln und Umgebung erleben möchtest, empfehle ich den Lindy Hop Kalender.

    Beste Grüße Ralf

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