Vom Zusammenkommen zum Miteinander

In einer Zeit zunehmender politischer Radikalisierung und sozialer Vereinzelung stellen sich Fragen nach gegenwärtigen Orten des Miteinanders mit besonderer Dringlichkeit. Wo begegnen sich Menschen heute, wie kommen sie zusammen? Wie funktioniert Begegnung an diesen Orten (und wie nicht), und welche Qualitäten hat das Miteinander in verschiedenen Räumen?
Diesen Fragen widmeten wir uns im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Studiengangs „Transkulturelle Studien“ an der Universität Bonn. Masterstudierende haben hier über zwei Semester hinweg die Gelegenheit, das praxisnahe Forschen mit empirisch-kulturwissenschaftlichen Fragestellungen in kleineren Projekten eigenständig zu erproben. Die Empirische Kulturwissenschaft ist eine Disziplin, die sich schon lange mit Fragen nach dem gesellschaftlichen Miteinander beschäftigt. Sie interessiert sich dafür, wie Menschen mit anderen Menschen zusammenkommen und wie sie ihre Alltage in sozialen Gruppen unter unterschiedlichen Lebensbedingungen gestalten.


Orte des sozialen Zusammenkommens besser zu verstehen ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Das wurde uns beispielsweise bewusst, als vor wenigen Jahren die Covid-19-Pandemie zahlreiche Lebens- und Arbeitszusammenkünfte ins Digitale verlagerte. Klimaökonomisch betrachtet ist es eine positive Entwicklung, dass Zusammenkünfte seither öfter digital stattfinden, um Flugmeilen zu sparen. Und für Menschen, die ihr Zuhause aus gesundheitlichen Gründen nicht verlassen können, sind dadurch die Möglichkeiten zur Teilhabe gestiegen. Doch gleichzeitig überwiegt bei sozialen Interaktionen per Videokommunikation oftmals das Gefühl, dass die Essenz einer wirklichen Anwesenheit nicht völlig in App-Oberflächen aufgeht (vgl. Brass, et al. 2022). Auch jüngere Formen digitaler Interaktionen wie beispielsweise „hate speech“ folgen neuen Mustern und haben umfassende Auswirkungen auf den Alltag von Betroffenen. Dabei machen die Opfer Erfahrungen, die wir erst umfassender untersuchen müssen, um zu verstehen, wie sich diese von anderen Gewalterfahrungen unterscheiden und wie wir damit besser umgehen können (Kuřík, Heřmanová und Charvát 2024).
Wie sich das Miteinander durch Digitalisierungsprozesse verändert, können wir als empirische Kulturwissenschaftler*innen besonders gut analytisch durchdringen: Wir erheben über Interviewgespräche und Teilnehmende Beobachtungen, wie Menschen ihre Alltage erleben und Erfahrungen oder Ereignisse einordnen. Diese Ergebnisse bringen wir in Zusammenhang mit Theorien zu kulturellem und sozialem Handeln. Darauf aufbauend können wir differenziert und kritisch beurteilen: Welche gesellschaftlichen und kulturellen Folgen sind zu erwarten, wenn Menschen sich entscheiden, sich analog oder digital zu treffen? Was geht verloren, wenn beispielsweise kulturelle oder pädagogische Vermittlungsarbeit im Digitalen stattfindet? Und was wird demgegenüber – angesichts des Ressourcenverbrauchs und der Inkaufnahme bestimmter Ausschlüsse – vielleicht auch gewonnen?


Das analytische Aufdröseln und tiefere Verstehen sozialer Interaktionen und ihrer Qualitäten ist ein zentrales Kompetenzbündel, das Studierende der Transkulturellen Studien erwerben und weiterentwickeln. Diese Fähigkeiten sind in zahlreichen Tätigkeitsfeldern gefragt, nicht nur, wenn es um die Digitalisierung von Begegnungen geht. Überall dort, wo Menschen zusammenkommen und soziale Gruppen aufeinandertreffen und dieses Miteinander geplant und orchestriert werden muss: zum Beispiel in Bildungs- und Vermittlungsfeldern, aber auch in Tätigkeitsbereichen, die sich eher der zivilgesellschaftlich organisierten und gesellschaftlich engagierten Arbeit verschreiben. Denn angesichts gesellschaftlicher Spaltungsdiagnosen (vgl. Mau und Westheuser 2023), der sozial-ökologischen Krise (vgl. Brand und Wissen 2017) und politischer Radikalisierung sind unsere Alltage stetig von Ohnmachtsgefühlen durchzogen. Um diesen etwas entgegenzusetzen, ist es wichtig, Menschen auf eine Weise zusammenzubringen, die Gemeinsamkeiten und Verantwortlichkeiten in den Vordergrund rückt, ohne zu überfordern. Das heißt, um die sozialen Auswirkungen der Pandemie und des voranschreitenden Klimawandels zu gestalten, brauchen wir gesellschaftliche Arbeit. Das meint Arbeit, die die Art und Weise, wie wir unsere Alltage leben und als Gesellschaften zusammenwirken, grundlegend verändert. Denn für ein Leben unter diesen herausfordernden Bedingungen gibt es bislang zu wenig (räumliche, soziale, praktische) Strukturen, die dabei helfen, unser Zusammenleben und unsere Alltage zu organisieren. Diese zu finden und zu entwickeln, wird nötig sein und bedarf womöglich Impulsen der politischen Mobilisierung – mit Sicherheit eine der Königinnendisziplinen im Kuratieren von Begegnung und sozialem Miteinander. Eine der zentralen Fragen, die wir zukünftig beantworten müssen, lautet: Wie können wir demokratische Räume zur Aushandlung und verantwortungsvolle Praktiken des Miteinanders gestalten, um den genannten Herausforderungen besser begegnen zu können?


Während des praxisnahen Lehrforschungsprojekts untersuchten die Studierenden eine Vielzahl an Begegnungsfeldern und näherten sich damit diesen großen Fragen und Aufgaben entschlossen. In Einzelprojekten erforschten sie über zwei Semester hinweg unterschiedliche Begegnungsräume und Praktiken des Miteinanders: Einige faszinierte das (beabsichtigte oder ungewollte) Allein-Sein inmitten anderer Menschen (im öffentlichen Raum, im Co-Working Space, im Pflegeheim), andere das Beziehungen-Knüpfen durch spielerische Praktiken und Emotionen (in der Strick- und Häkelszene, in Konzertwarteschlangen, auf dem Spielplatz, im Begegnungszentrum). Wieder andere interessierten sich für Aushandlungen des „richtigen“ Verhältnisses von Gegeneinander und Miteinander bei temporären und ritualisierten Zusammenkünften (in der Vermittlungsarbeit von Gedenkstätten, in queeren Räumen, in Tanzcommunities, im Karnevalsverein).
Aus der Betrachtung dieser Räume und Praktiken ergibt sich ein differenziertes Bild vielgestaltiger Begegnungsqualitäten. Diese entstehen im Zusammenspiel kultureller Praktiken und räumlich-atmosphärischer Gestaltungen: Wie und ob sich Menschen ansehen, wenn sie arbeiten, zum Feiern gehen oder miteinander tanzen, und wo sie im Raum positioniert sind, sagt viel darüber aus, wie sie sich anderen gegenüber zeigen müssen oder wollen – oder eben nicht. Wie Wartende sich als Warte-Gemeinschaft verstehen, steht mit den Objekten in Zusammenhang, die sie für die Organisation ihrer Wartezeit benutzen: Ordnende und auf den Händen aufgemalte Zahlen, Absperrbänder, Campingstühle und Rettungsdecken prägen ebenso wie Gefühle der Aufregung oder Vorfreude, ob die gemeinsam in der Warteschlange verbrachte Zeit als zusammenschweißendes Abenteuer vor dem eigentlichen Konzertevent oder nur als Platz in einer anonymen Reihe erlebt wird.


Sich-Begegnen vollzieht sich also unterschiedlich nah oder distanziert. Welches Verhältnis von Nähe und Distanz dabei als „richtig“ wahrgenommen wird, müssen die beteiligten Akteur:innen miteinander aushandeln. Die Projekte zeigen aber auch, dass es – je nach Kontext – bestimmte Rahmungen und strukturelle Setzungen gibt, die diese Aushandlungen erschweren, einengen oder ganz und gar verunmöglichen. So können Überlieferungen historisch gewachsener Traditionen beispielsweise ein verblüffend geringes Maß an Aushandlungsspielraum bieten, etwa was Geschlechterverhältnisse im rheinischen Vereinskarneval betrifft. Auch in öffentlichen Räumen, wie zum Beispiel auf Spielplätzen, finden sich in Sprache und Raumgestaltung geronnene Vorstellungen von sozialen Figuren, mit denen Menschen Begegnungen eher vermeiden als herbeiführen wollen. Und in Aussagen darüber, wie Besucher*innen sich in Gedenkstätten zu verhalten haben, finden sich zahlreiche Hinweise auf normative Vorstellungen einer „richtigen“ emotionalen Haltung, die an diesen Orten auch entsprechend eingefordert wird.
Diese und viele weitere sozial gewordene Setzungen spüren die Autor*innen auf und leiten sie über aufmerksame Studien von Sprache, Praktiken und räumlichen Gestaltungsweisen her. Dabei bauen die Projektdarstellungen auf unterschiedliche Vermittlungsformen: von Filmproduktionen über essayistische Texte bis hin zu Comics und Podcastformaten findet sich eine breite Palette an Präsentationsweisen, die Raum für persönliche Interessen und eigene Ausdrucksmöglichkeiten lässt.


Die Projektpräsentationen laden dazu ein, gesellschaftliches Miteinander in seinem Werden zu sehen, zu verstehen und in seiner Gewordenheit kritisch zu befragen. Wir freuen uns, wenn der*die eine oder andere dabei möglicherweise neuen Perspektiven begegnet.

Brand, Ulrich, und Markus Wissen. 2017. Imperiale Lebensweise: zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus (München: oekom verlag).

Brass, Jana, Ruth Eggel, Valeska Flor, Victoria Huszka, Michaela Ressing, und Jasmin Sina. 2022. ‘Pandemiebewältigung zwischen kreativ-schöpferischen Praktiken und erschöpften Möglichkeiten‘, Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur, 1(22), 6–11.

Kuřík, Bob, Marie Heřmanová, und Jan Charvát. 2024. ‘Living hated: Everyday experiences of hate speech across online and offline contexts‘, Communications, 49(3), 378–399.

Mau, Steffen, Thomas Lux, und Linus Westheuser. 2023. Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (Berlin: Suhrkamp).

Ich bin Empirische Kulturwissenschaftlerin. Ich lehre und forsche an der Universität Bonn zu zivilgesellschaftlichen Praktiken im Digitalen und Aushandlungen sozial-ökologischer Umgestaltungen. Wie „das Soziale“ funktioniert, welche Theorien wir nutzen, um es zu begreifen, beschäftigt mich schon lange. Das Lehrforschungsprojekt fand unter meiner Leitung und inhaltlichen Setzung statt – die Vielfalt und Tiefe der Projektthemen haben die Studierenden jedoch eigenständig entwickelt und mit einem beeindruckenden Engagement bearbeitet. Die Einblicke in die unterschiedlichen Forschungen haben mich zum Nachdenken angeregt. Besonders bemerkenswert fand ich die Offenheit, mit der die Studierenden an die große Aufgabe herangetreten sind, ihre Projekte einmal „anders“, weniger konventionell-wissenschaftlich, zu präsentieren. Die Kreativität, die sie dafür aufbrachten, ist nicht selbstverständlicher Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens, sondern braucht Raum und Hingabe. Ich bin froh und dankbar, einmal mehr daran erinnert worden zu sein, wie sehr unsere Forschungen davon profitieren können.

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