Emotionale Beziehung und Engagement Angehöriger zu ihren verwandten Senioren-Heim-Bewohner*innen mit hohen Pflegegraden

Mein Beitrag befasst sich mit der Frage, welche emotionale Verantwortung uns erwartet, wenn unsere Eltern mit einem hohen Pflegegrad einen Platz im Pflegeheim bekommen. Werden wir Sie besuchen können, wie häufig, und wie wirkt sich unser Besuch aus? Im Ergebnis werden Pfleger*innen den emotionalen Einsatz naher Angehöriger nicht ersetzen können, weil das soziale Kapital Angehöriger auf langjährigen Beziehungen und gemeinsamen Erinnerungen beruht. Unsere Gesellschaft altert. Die Frage bewegt mich, weil auch ich regelmäßig Bewohner*innen besuche und über kurz oder lang selbst dort leben könnte.

Ziel des Beitrags
Die letzte Lebensstation ist oft das Pflegeheim. Bewohner*innen erwartet dort ein Mindeststandard. Einerseits können die oft individuellen Bedürfnisse der Bewohner*innen vom Pflegeheim nicht im vollen Umfang erfüllt werden. Es bedarf bei Verweigerung seitens der Bewohner*innen für die Pfleger*innen einigen Aufwands, den Bewohner*innen gerecht zu werden. Den erforderlichen emotionalen Motivationsaufwand können die Pfleger*innen (bei Verweigerung durch die Bewohner*innen) oft nicht leisten. Andererseits sinken bei hohen Pflegegraden die Bedürfnisse der Bewohner*innen gesellig zu sein. Die bloße Anwesenheit von Angehörigen bereichert das Leben der Bewohner*innen im Heim. Der folgende Beitrag beleuchtet die emotionalen Beziehungen zwischen Angehörigen und Bewohner*innen als soziales Kapital.

Forschungsstand
Das Verständnis für alternde demente Menschen hat sich in den letzten 25 Jahren verbessert. Pflegende Angehörige sind weiterhin und heute umso mehr Rückgrat des Pflegesystems. Ohne Angehörigen-Hilfe wäre die Altenpflege längst zusammengebrochen. Die Situation der Angehörigen ist zu wenig und wenig detailliert erforscht. Es fehlen Informationen zu den emotionalen Beziehungen der Beteiligten wie Berufstätigkeit Angehöriger, Dauer der Pflegesituation usw. und zu der gesellschaftlichen Akzeptanz der Angehörigenpflege. Die neuen Versorgungsstrukturen sind nun mit praktischen Erfahrungen zu unterfüttern.
Statistisch gesehen wohnen in Pflegeheimen eher Menschen mit einem hohen Pflegegrad, weil die Angehörigen bei der Pflege zuhause überfordert sind. Das Pflegeheim entlastet sie. Dies erlaubt ihnen, sich positiv emotional an der Lebensqualität ihrer elterlichen Bewohner*innen im Pflegeheim zu beteiligen. Die Beziehung der Beteiligten beruht oft auf langjährigem, engem Kontakt und intimen Kenntnissen der Bedürfnisse der Bewohner*innen. Damit ist oft auch ein individuelles Schuldgefühl z.B. gegenüber der Mutter verbunden, die uns geboren, genährt und umsorgt hat und die wir im Zuge des Erwachsenwerdens verlassen haben. Dieses Gefühl fördert ein Restunbehagen, vielleicht unterbewusst ein schlechtes Gewissen. Wir wollen die erhaltenen Geschenke zurückgeben. Es mag auch ein eigenes Interesse des Angehörigen bestehen, am Lebensende der Bewohner*innen ein intensives emotionales Verhältnis zu ihnen zu pflegen. Wir wollen Freude, Trauer, Leid mit den schwergradig pflegebedürftigen elterlichen Bewohnern*innen teilen.

Untersuchungsmethoden
Die Beteiligten werden anonymisiert, um persönliche Verletzungen zu vermeiden. Hilfreich ist die hier angesprochene Literatur zum Thema. Ich habe geeignete Angehörige gefunden, die mit einem gemeinsamen Besuch bei ihren Heimbewohner*innen einverstanden waren. So hatte ich Gelegenheit das Zusammensein zu beobachten und danach ein Interview mit dem Angehörigen zu führen. Im Einverständnis durfte ich die Details aufnehmen und mit Hilfe von MAXQDA, Protokoll, Tagebuch untersuchen. Vorbereitend habe ich den Angehörigen einen Fragebogen zu Alltagsleben/Wohnen/Mahlzeiten/Versorgung durch das Personal/besonderen Erlebnissen und Zufriedenheit überlassen. Die besuchten Bewohner*innen leben in verschiedenen Heimen.
Die Interview-Fragen dienen dazu, die Aufmerksamkeit auf die eigenen emotionalen Gefühle der Angehörigen während ihrer Besuche zu lenken. Mir kam es darauf an, die Wahrnehmung der Bewohner*innen, die Würdigung des Engagements durch Bekannte und die Gesellschaft sowie Hilfestellung durch das Pflegeheim zu hinterfragen. Die folgende Skizze verdeutlicht die Situation der Bewohner*innen im Heim und mögliche Beziehungen:

Erlebnisse bei den Besuchen und Interviews
Im Fall der 99-jährigen seit langem erblindeten Bewohnerin Helene mit Pflegegrad 5, Muskelschwäche und Demenz zeigte die bei diesem Status übliche Erschöpfung und Abhängigkeit nach einem langen Krankenhausaufenthalt. Der Angehörige, Anton, ist selbst 75 Jahre alt und schwerhörig. Positiv und bewusst äußert Helene sich nur zu Fragen des eigenen Empfindens, wie Kälte und Sättigung: „Heute Morgen ist es kalt.“, „Ich will mich stützen“. Klar ablehnend reagiert sie beim Essen: „Ich möchte jetzt nichts mehr.“, wobei sie erläutert: „Ja, „ich bin auch satt“ und „Nein bitte!“. Im Übrigen überwiegen in dem seitens Anton intensiv positiv motivierten Gespräch weitgehend unklare, verwirrte Reaktionen: „Nee.“ / „Aha. Mhm.“
Anton passt sich an Helenes Tempo an. Er gibt ihr Orientierung: „So, guck mal, hier der Tisch, ne? Hier ist der Tisch. Guck mal, hier ist deine Heizung. Okay.“
Anton motiviert die unter Hustenanfällen und Schluckbeschwerden leidende Helene durch ständiges Streicheln und beruhigende Sprache: „Gut ist es dir. Das ist doch schön.“ Das Angebot von Schutz und Fürsorge stärkt Helene: „Ich halte dich fest. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Während der Sprechpausen wirkt Anton besorgt, fragt häufig zum Befinden.
Mit Humor, kleinen Scherzen und alten Erinnerungen versucht Anton meist vergeblich, ein Gesprächsklima zu schaffen. Missverständnisse durch die Schwerhörigkeit beider Beteiligten erschweren das Gespräch. Die Routine des Anreichens von Essen bedarf ständiger Aufforderung, den Mund zu öffnen, um der blinden Helene zu signalisieren, dass ein gefüllter Löffel auf sie wartet. Behutsames Trinken, Essen und Positionieren erzeugen bei Helene Wohlbefinden und eine Atmosphäre von Zärtlichkeit, Geduld, Nähe und Belastbarkeit. Rituale ersetzen verlorene Routinen.
Befragt man Anton zu den 3-4 Besuchen pro Woche, erinnert er sich an die langjährige Beziehung zu Helene und die daraus erwachsene moralische Verpflichtung. Er weist auf seine sozial bestimmte Erwartung hin: „Man besucht eben die Schwiegermutter.“ Helenes Zustand zwischen Leben und Tod kommentiert er wegen Helenes überwiegenden Passivität und wenigen Reaktionen:

„Also ich denke, sie hat selbst teilweise gesagt, wie lange muss ich noch. Es ist, denke ich, bei ihr auch immer wieder ein Warten auf das Sterben und dieses Warten auf das Sterben, auf das Sterben sehe ich also in der Hinsicht nicht als positives  Erlebnis …“, „Und die Erschöpfung dann so mitzubekommen, ist auch eine Situation, wo man denkt, wäre sie vielleicht erlöst, wäre sie vielleicht besser erlöst.“ … „Ne, also denk mir, sie hat für sich auch mit dem Leben abgeschlossen.“

Gleichwohl reicht Anton Helene fürsorglich das Essen an. Es entsteht ein emotionaler Konflikt zwischen Hoffnung und Akzeptanz, den Anton mit seinem sozialen Kapital füllt. Hilfreich wäre vielleicht, die Situation mit fachlichen Beratern zu hinterfragen.

Im zweiten Fall der 89-jährigen Bewohnerin Else liegt das von ihr seit fünf Jahren bewohnte Heim nahe einem Stadtwald. Anders als im Einzelzimmer der erblindeten Helene hängen die Wände voller Fotos. Erinnerungsstücke (Pendeluhr, Schränke, Teppich) aus ihrer alten Wohnung gehören zum Mobiliar. Die 69-jährige Angehörige, Eva, besucht ihre Mutter drei Mal pro Woche.
Else leidet neben zahlreichen alterstypischen Krankheiten (Diabetes u.a.) auch an einer Frontallappenatrophie. Die Frontallappenatrophie führt zu extremer Wesensveränderung. Die zuvor sehr reinliche Else vernachlässigt sich und lässt sich aufgrund ihrer Dominanz auch nur schwer helfen: „Es ist nur schwer möglich. Wenn Sie sich weigert, dann machen es auch die Pfleger nicht.“ Auch Eva ist sich nicht sicher, ob sie sich in solchen Fällen gegenüber Else durchsetzen könnte.
Beim Betreten des Raumes ist Else noch sehr verschlafen. Eva motiviert durch positive Beobachtungen, wie Freude über frische Blumen auf dem Nachttisch: „Das ist aber schön.“ Die zunächst träge, verschlafene Else lebt erst auf, als das Gespräch auf den Enkel kommt, der sie besucht hatte: „Oh, wie ich mich gefreut habe.“  Positiv reagiert sie auch zu einem Pulli: „Hab ich gern.“ und zu einem Pfleger: „Der war nett.“
Else freut sich über den frischen Schnee und sorgt sich, weil Eva mit dem Auto gefahren ist. Ihre Orientierungslosigkeit kann sie nicht überspielen, wenn sie behauptet auch zum Lagerplatz der Schere informiert zu sein. Sie eröffnet etwas vorwurfsvoll übergangslos ein neues Thema zur Abwesenheit Evas bei einem Kurzurlaub zuvor: „Na, wie war’s, schön?!“ Sie erkundigt sich auch zu weiteren Enkeln und scheint sich an deren Lebenseinstellung zu freuen. Else zeigt auch gegenüber einzelnen Pflegern ihrem Wesen gemäß Zufriedenheit: „Hatte nichts zu meckern.“
Negative Emotionen sind oft körperlich oder situativ bedingt und beruhen auf Erschöpfung oder Müdigkeit: „Du bist noch ganz schläfrig.“, „Du siehst aber müde aus.“  (Evas Beobachtung). Else erscheint überfordert „Ich bin doch gar nicht soweit.“ oder äußert Schmerzen: „Es wird immer schlimmer mit dem rechten Bein. Ich kann kaum noch gehen.“ Verwirrung bzw. Unsicherheit zeigt sie durch häufiges „Bitte?“ oder „Ich weiß es nicht.“ Es finden sich Orientierungslosigkeit zu Personen, Ereignissen, Gegenständen sowie Ablehnung und Widerstand: „Nee.“ oder „Nö“ beim Essen und Zähneputzen: „Ich esse nie alles auf.“ Auch nach 5-jährigem Aufenthalt äußert Else deutlich emotional einen in ihrem Zustand und wegen der aufgegebenen Wohnung unerfüllbaren Wunsch: „Ich will nach Hause.“
Eva drückt klar ihre Sorge und Fürsorge aus. Ständig fragt sie nach Wohlbefinden, Kleidung, Essen, und sorgt sich um Arzttermine. Das Verhalten der Pflegekräfte oder das Essen geben Anlass zu Klagen: „Das ist echt blöd.“ oder „Das ist immer, wenn die Feiertage sind, dann klappt das mit der Wäsche nicht so richtig.“, öfter: „Manchmal bin ich da ein bisschen traurig drüber…“ über Fehlfunktionen des Telefons: „Ich erreiche dich immer nie“ oder Resignation: „Dann ist es eben so wie es ist.“
Viel Empathie zeigt Eva im Dialog mit Else. Sie provoziert und spiegelt Gefühle: „Das glaube ich.“, zeigt Zuneigung durch liebevolle Anrede: „Liebe Mama“. Eva überspielt Elses Unlust mit Humor, Leichtigkeit und kleinen Scherzen über Schnee, Decke, Blumen oder Gemeinschaftsgefühl, wie Neujahrsgrüße oder Gespräche mit anderen Bewohner*innen. Die emotionalen Äußerungen sind überwiegend alltagsnah, situativ und dialogisch eingebettet.
Ein emotional wichtiges Thema ist der Pflegealltag mit seinen Routinen unter den Bedingungen der Frontallappenatrophie und unter dem Aspekt Körperpflege und Hygiene. Eva kann sich mit den Folgen nicht so recht abfinden. Else mag nicht gewaschen werden: „Sie haben mich geschrubbt.“ Eva ärgert sich über Elses Ablehnung der Routinen: „Die Haare meiner Mutter sehen nicht immer schön aus.“ Körperpflege ist ein zentraler Konfliktbereich zwischen Elses Selbstbild (früher reinlich) und ihrer aktuellen Ablehnung: „Meine Mutter stört es nicht, mir macht es etwas aus.“
Eva sorgt sich um Elses Mobilität und körperliche Einschränkungen. Else braucht wegen ihrer Gehprobleme einen Rollstuhl. Sie hat Schmerzen: „Es wird immer schlimmer mit dem rechten Bein. Ich kann kaum noch gehen.“ Dies hat Folgen für ihre Teilnahme am Heimleben. Auch die Ernährungs- und Essenssituation macht Eva Sorgen. Else äußert sich zu Geschmack, Appetit, Essensorganisation: „Ich esse nie alles auf.“ / „Schmeckt dir das Essen nicht?…“ / „Ich habe keinen Hunger – „Nö.“ Für Else ist das Essen problematisch, sie ist appetitlos und unzufrieden und lässt sich auch nicht durch Eva motivieren: „Hast keinen Hunger? Nicht noch ein bisschen? Nicht nur ein bisschen Kartöffelchen und Fleisch?“ / „Nee.“ / „Lieber den Pudding? Und wie ist es sonst mit dem Essen, Mama? Schmeckt es dir in letzter Zeit, ganz gut? Oder wie ist das?“ / „Nö.“ Eva vermutet, der Koch habe gewechselt.
Wichtig ist auch die fürsorgliche, routinierte Angehörigenbeziehung zu Else: „Ich hole dir mal neue Strümpfe.“, wegen bevorstehenden Arztbesuchs: „Ich komme am Dienstag um halb vier.“ Eva übernimmt fürsorglich die Rolle der Pfleger*innen. Die Übernahme dieser Verantwortung erscheint anstrengend und erschöpfend.
Die sozialen Kontakte der emotional verarmten Else sind neben der Angehörigen auf eine einzelne Mitbewohnerin reduziert: „Sie besuche ich doch, die Al.“
Die Beziehung zum Pflegepersonal macht Eva traurig: „Die Pfleger bemühen sich sehr, aber es sind zu wenig.“ Wegen Personalmangel zeigt sich eine Ambivalenz zwischen Wertschätzung und struktureller Kritik. Eva verweist auf Unterbesetzung, Zeitdruck, fehlende Betreuung im speziellen Fall ihrer sorglosen Mutter: „Wenn der Personaldeckel dichter wäre…“ oder „Das lässt die Personaldecke nicht zu.“ Allerdings wäre Eva persönlich wegen Elses Dominanz in ihrer eigenen Befindlichkeit auch nicht möglich, Else erfolgreicher zu pflegen.
Eva freut sich über Angebote des Heims zu Aktivitäten, wie Gottesdienste, Konzerte, Ausflüge, Heimprogramm. Darüber würde auch Else sich freuen: „Da wird schon wieder ein Neujahrskonzert angekündigt.“ Ob Else allerdings zur Teilnahme bewegt werden kann, bleibe fraglich. Die Teilnahme scheitere oft an Elses Müdigkeit und der Überforderung der Angehörigen und der Pfleger*innen, Else zu motivieren.
Else freut sich an der Wohnumgebung und Ausstattung. Wohnraum, Heim und Park liegen nahe der alten Lebensumgebung. Dies ist ein Beitrag zu Elses Wohlergehen. Eva freut sich, viele Anlässe zu finden, Biografie und Erinnerungen, gegenwärtige und vergangene Orte oder Ereignisse mit Else zu teilen. Die verbliebene Nachbarschaft, frühere Reisen, Familie und Rituale bleiben wach: „Als Papa noch lebte, waren wir hier im Tierpark.“ Sie erhalten biografische Bezüge, stabilisieren die Identität und Beziehung. Dazu gehört auch die Möglichkeit des emotional wichtigen Besuchs seitens der Enkelkinder und verbliebenen Bekannten: „Da habe ich die Enkel gesehen.“ Der Besuch und die Blumen vermitteln Freude. Familie bleibt zentraler Bezugspunkt, während der Alltag im grauen Nebel der Frontallappenatrophie verschwimmt.
Evas Engagement erscheint emotional belastend und hinterlässt Traurigkeit, Überforderung, Ambivalenz: „Manchmal bin ich da ein bisschen traurig drüber.“ Eva ringt mit Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit. Sie sucht nach Strategien der Distanzierung. Sie möchte Loslassen, Priorisieren: „So langsam nehme ich immer mehr Abstand davon.“ Die Distanzierung dient dem Selbstschutz.
Dem steht ihr Verantwortungs- und moralisches Pflichtgefühl gegenüber: „Ich komme am Dienstag…“, „Ich muss das aufschreiben fürs Heim.“ Die emotional eingebundene Angehörige übernimmt eine sie belastende Verantwortung.


Ergebnis
Zusammenfassend ist das Heim ein Feld, in dem unterschiedliche Akteure (Pflegepersonal, Angehörige, Bewohner*innen) um Einfluss, Anerkennung und Handlungsspielräume ringen. Emotionen entstehen weniger isoliert aus dem Status der Bewohner*innen, wie Erblindung, körperliches Unwohlsein, Verwirrung, Orientierungslosigkeit mit Pflegegrad 5 oder Frontallappenatrophie und erschwerter Kommunikation. Die positive Stimmung wird von einem ständigen Aushandeln von Nähe, Orientierung, Fürsorge und Anforderung seitens beider fürsorglichen Angehörigen geprägt. Die Angehörigen überspielen beispielsweise geduldig die Unlust, Nahrung aufzunehmen.
Beide Fälle sind wesentlich von moralischer Selbstverpflichtung gekennzeichnet. Das Heim mit seiner institutionellen Pflege bietet eine stabile, verlässliche Grundversorgung. Die Pflegebeziehungen der Angehörigen im stationären Setting agieren in dem hochgradig emotionalen, moralischen und sozialen Gefüge zwischen institutionellen Routinen, individuellen Biografien, körperlicher Vulnerabilität und familiären Verpflichtungen medizinischer und organisatorischer Arrangements.
Das soziale Kapital aus dem emotionalen Einsatz der Angehörigen im Pflegefeld ist beachtlich. Der Einsatz ist freiwillig und begrenzt andere Aktivitäten (Urlaub, Freizeit u.a.). In beiden Fällen schaffen die Angehörigen habituell Ordnung im Leben von Helene und Else. Verantwortlichkeit, familiäre Pflicht und langjährige Bindung machen sie im Pflegefeld handlungsfähig. Daneben schlagen sich ihre Erfahrungen mit ihren Eltern als kulturelles Kapital nieder. Die Kenntnis von Helenes und Elses Routinen, Abläufen und Kommunikation zählt zum kulturellen Kapital. Die Anerkennung als jederzeit hilfsbereite, gute Angehörige ist ein symbolisches Kapital. Diese Betrachtung nach Pierre Bourdieu lässt erkennen, dass die emotionale Fürsorge auch ein sozialer Statusakt ist, denn sie reproduziert Positionen und Erwartungen aller Beteiligten.
Beide Fälle zeigen, dass Angehörigenpflege im Heim als unverzichtbare Ergänzung zur institutionellen Pflege nicht überflüssig ist und emotionale Stabilität, Sinn, Kontinuität und Beziehung selbst dann fördert, wenn Helene und Else kaum noch oder wenig reagieren. Die Stimme des Angehörigen, Berührungen, Wiederholungen und geduldige Präsenz führen zu einer spürbaren, aber nicht messbaren Resonanz.
Die Beziehungen sind emotional fragil, da eine angemessen reziproke Bestätigung der Bewohner*innen schwach ist oder ganz fehlt. Oft überwiegt Ablehnung. Den Angehörigen fällt schwer, ihre Fürsorge vor sich selbst zu rechtfertigen. Trotz des fragilen Mechanismus erhält sich das Engagement durch familiäre, beziehungsgetragene, verkörperte Rituale und gibt den Bewohner*innen Orientierung, Halt und Sinn.

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