„Krass, ist ja wie Shisha-Bar eigentlich“ – Gemeinschaft in der Häkel- und Strickcommunity unter jungen Menschen

von Isabel Lüdenbach

„Krass, ist ja wie Shisha-Bar eigentlich.“ Diesen Satz hörte eine meiner Interviewpartnerinnen, als sie sich mit Freundinnen zum Häkeln in einem Café traf. Eine Gruppe Männer am Nachbartisch hatten sie beobachtet und interessiert nachgefragt, was sie denn dort täten. Nachdem die Frauen ihnen erklärten, dass sie es sehr entspannt fänden, zu häkeln und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, miteinander zu quatschen, zog einer der Männer schließlich diesen überraschenden Vergleich. Meine Interviewpartnerin war im ersten Moment etwas irritiert davon, konnte den Vergleich aber nachvollziehen, ohne jemals selbst in einer Shisha-Bar gewesen zu sein. Sie sah die Gemeinsamkeit darin, dass man „so ein bisschen was zu tun [hat], aber das fordert nicht viel Aufmerksamkeit.“ Mir ging es ähnlich. Auch ich war beim ersten Hören etwas verdutzt davon, doch je länger ich darüber nachdachte, desto treffender wurde der Vergleich.
Auch andere Interviewpartner*innen verglichen Strick- und Häkeltreffen mit ganz unterschiedlichen Freizeitaktivitäten: mit Leuten, die sich zum Fußballspielen oder zum gemeinsamen Spieleabend treffen. Diese Vergleiche zu anderen Zusammentreffen wirkten im ersten Moment sehr abstrakt. Natürlich unterscheiden sich die Tätigkeiten im Kern voneinander, dennoch lassen sich vergleichbare Merkmale all dieser Arten von Treffen ausmachen. Aber sind diese Arten von Treffen wirklich miteinander vergleichbar? Menschen mit einem gemeinsamen Interesse kommen zusammen, durch dieses Interesse haben sie eine erste Gesprächsgrundlage, die gerade bei noch unbekannten Personen direkt eine gewisse Nähe entstehen lässt und das Kennenlernen erleichtert. Genau das berichteten auch meine Interviewpartner*innen aus verschiedenen Strick- und Häkeltreffs, die sie besucht haben:

„Also, dadurch, dass man ja gleich mit dem Hobby in Verbindung kommt, hat man natürlich ja auch gleich ein Gesprächsthema.“ – Lisa


„Dadurch, dass man halt schon ein Gesprächsthema hat, das gemeinsame Häkeln oder Stricken, konnte man sich halt sehr, sehr schnell vernetzen, unterhalten mit anderen Personen.“ – Kimberley

Um genauer zu erfahren, wie sich diese Gemeinschaft in der Häkel- und Strickcommunity gestaltet und von den teilnehmenden jungen Menschen erlebt wird, habe ich einerseits Interviews mit Personen geführt, die an Häkel- und Stricktreffen teilnehmen oder selbstständig welche organisieren und andererseits bei einem Häkeltreff teilgenommen und dort eine teilnehmende Beobachtung durchgeführt. Um ein genaueres Verständnis dafür zu bekommen, wie sich Häkel- und Stricktreffen aus der Perspektive der organisierenden Personen gestalten lassen, bin ich in die Rolle einer Organisatorin geschlüpft und habe mehrere eigene Häkel- und Stricktreffen veranstaltet. Das hat mir auch dabei geholfen, viele Aussagen meiner Interviewpartner*innen besser nachvollziehen zu können.
Das Häkeln und Stricken in der Gruppe nehmen viele Personen regelmäßig wahr. Das kann sowohl in einem organisierten Häkeltreff, spontan beim Cafébesuch mit den Freundinnen oder zuhause auf dem Sofa mit dem besten Freund sein. Das gemeinsame Ausüben wirkt sich anders aus als das Stricken oder Häkeln alleine zuhause oder auf dem Weg zur Arbeit im Bus. Gerade, dass Verbindung untereinander entsteht und die Treffen zum Austausch untereinander genutzt werden können, wurde stark betont.

„Wenn man sich dann so austauscht, wie andere dazu gekommen sind, danach fühlt man sich irgendwie immer gut, weil man das Hobby teilen kann mit anderen Menschen, das merke ich auf jeden Fall.“
– Lisa

Im Vergleich dazu wird das Häkeln und Stricken als alleinige Aktivität eher zur Zeitüberbrückung oder zum Abschalten nach einem anstrengenden Arbeitstag ausgeübt. Besonders verbunden fühlen sich die meisten durch die Unterstützung bei schwierigen oder nervigen Aufgaben, wie dem Vernähen der Fäden am Ende eines Projektes. Dabei kann das Mitfühlen der anderen Anwesenden bei der Motivation deutlich helfen und die Verbindung zwischen den Personen stärken. Wie meine Interviewpartnerin Bärbel sagt: „Das ist irgendwie ein Bonding-Moment“.

„oh nee, und jetzt noch Vernähen, dann sind alle so, mhm, fühlen wir“ – Bärbel

Diese Verbindung und Unterstützung unter den Gruppenmitgliedern lässt sich dem Konzept der Communities of Practice beschreiben. Dieser Begriff wurde von Jean Lave und Etienne Wenger geprägt und bezeichnet Gruppen von Menschen, die ausmacht, dass sie miteinander zusammenarbeiten und dadurch voneinander lernen. Communities of Practice sind Gruppen von Menschen, die ein gemeinsames Interesse oder eine gemeinsame Leidenschaft für eine bestimmte Tätigkeit teilen. Indem sie sich regelmäßig treffen und austauschen, lernen die Beteiligten, diese Tätigkeit immer besser auszuüben. Durch unseren Alltag sind wir alle Teil unterschiedlicher Communities of Practice und unsere Zugehörigkeiten können sich im Laufe des Lebens immer wieder anpassen. Die Communities müssen nicht unbedingt formell und offensichtlich erkenntlich sein, sondern können genauso informell organisiert sein. Das Teilhaben in eben diesen kann eine sehr alltägliche und vertraute Erfahrung sein, dadurch nehmen wir unsere Zugehörigkeit zu den Communities meist nicht bewusst wahr.

Es gibt drei Faktoren, die eine Community of Practice als solche definieren: Domain, Community und Practice. Die Domain ist die gemeinsame Sache, die der Ursprung für das Zusammentreffen verschiedener Personen ist, also in diesem Fall das Häkeln oder Stricken als Hobby. Die Mitglieder der Community of Practice macht aus, dass sie über Skills und Interessen verfügen, die andere Menschen nicht haben, zum Beispiel das Wissen darüber, wie man einen Pullover strickt. Diese Domain wird außerhalb der Community nicht unbedingt als Expertise anerkannt und die Skills werden von Außenstehenden häufig nicht wertgeschätzt oder wahrgenommen. So berichten einige häkelnde Personen, dass es ihnen des Öfteren passiert, dass sie beim Häkeln von fremden Personen darauf angesprochen werden, was sie da stricken würden. Eine Interviewpartnerin hat ebenfalls berichtet, dass sie ab und zu von Bekannten auf ihre selbstgemachten oder upgecycelten Kleidungsstücke angesprochen wird, mit der Bitte etwas Ähnliches auch für sie herzustellen. Wobei den Bekannten die Vorstellung fehlt, wie viel Arbeitszeit und Materialkosten in Handarbeitsprojekte fließen und wie teuer es wäre, wenn sie ihr einen fairen Preis für ihre Arbeit zahlen würden.

Das Bild zeigt den Unterschied zwischen häkeln und stricken. Beim Häkeln wird eine Nadel verwendet, die vorne gebogen ist. Beim Stricken sind es mindestens zwei gerade Nadeln, die manchmal durch eine Schnur miteinander verbunden sind.

Eine echte Community entsteht dadurch, dass Personen beim Ausleben ihres Interesses Beziehungen zu anderen Gruppenmitgliedern aufbauen, die durch das Teilnehmen an Gemeinschaftsaktivitäten oder Gruppendiskussionen, die Hilfe untereinander oder das Teilen von Informationen entstehen können. Häkel- und Stricktreffen können ein Ort sein, an dem sich innerhalb der Community ausgetauscht und vernetzt wird. Ich habe selbst erlebt, wie schnell ich mit anderen Teilnehmenden des Häkeltreffs in den Austausch gekommen bin und wie auch unter den Anderen fachliche Gespräche entstanden sind. Die gegenseitige Unterstützung wurde in den Gesprächen sichtbar und spürbar. Der von mir besuchte Treff, der in einem öffentlichen Begegnungsraum stattfand, richtete sich an Personen aller Fähigkeitsstufen, ob komplette*r Anfänger*in oder richtiger Profi. Dabei gab es für alle, die Häkeln von Grund auf lernen wollten, das Angebot, es dort zu erlernen. Die Organisatorinnen des Treffs erklärten den Lernwilligen die ersten Schritte und standen jederzeit für Fragen bereit. Diese Bereitschaft zur Hilfe war auch unter den anderen Anwesenden erlebbar. Sie beantworteten sich gegenseitig ihre Fragen und halfen einander bei Problemen.
Während zu Beginn der Treffen die Gespräche meist das Häkeln und Stricken umfassen, entwickeln sie sich im Laufe hin zu allen möglichen Themen. Zwischendurch wird das Thema aber immer wieder aufgegriffen, beispielsweise sobald eine Person bei ihrem Projekt auf ein Problem stößt, wie dass ihr das Garn ausgegangen ist und sich die exakte Farbe nicht mehr nachkaufen lässt oder irgendwas im Strickstück nicht so aussieht, wie es sein sollte, oder am Anfang des Projektes noch Ideen für die Umsetzung fehlen. Meine Interviewpartner*innen und ich haben erlebt, dass in der Gruppe direkt versucht wurde auf solche Probleme Lösungen zu finden. Gerade wenn Personen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungslevels anwesend waren, gab es in den meisten Situationen jemanden, der* die schon auf ein ähnliches Problem gestoßen war und eine Lösung anbieten konnte. Ein Großteil berichtete auch, dass sie zu Beginn das Häkeln oder Stricken von anderen Personen, Familienmitgliedern oder Freunden, beigebracht bekommen hatten, bei denen sie auch immer Nachfragen stellen konnten.
Ein weiterer Ort, an dem Austausch innerhalb der Community stattfinden kann, ist Social Media. Viele Personen starten ihre ersten Häkel- oder Strickversuche mithilfe von YouTube Videos, in denen erfahrene Stricker*innen und Häkler*innen ihr Wissen für die verschiedensten Erfahrungslevels teilen. Als Anfänger*in lassen sich darüber die ersten Schritte lernen und je weiter das eigene Skilllevel voranschreitet, desto mehr verschiedensten Projekte lassen sich entlang von Videos selbst nachmachen. Auch über andere Plattformen, wie Instagram und TikTok, kommen Personen zusammen und teilen ihre Erfahrungen, zeigen ihre Projekte, tauschen sich untereinander aus oder geben Tipps. Außerdem lernen sich Personen aus der eigenen Umgebung hierüber kennen und verabreden sich zum gemeinsamen Häkeln und Stricken.

Practice macht aus, dass die Mitglieder der Häkel- und Strickcommunity aktive Teilnehmende dieser Gruppe sind, indem sie ihr Hobby ausüben. In Gesprächen miteinander wurden Wissensressourcen geteilt. Es gab Personen, die bei Häkeltreffen oder in ihrer Freundesgruppe das Häkeln von den anderen Mitgliedern beigebracht bekommen haben. Es kamen immer wieder Gespräche über das Häkeln und Wolle auf. Dabei wurden Probleme mit Wollkäufen besprochen oder Ideen für ein neues Projekt gemeinsam gebrainstormt. Dabei ist die Größe der Gruppe egal und auch das Erfahrungslevel spielt keine Rolle, da auch Anfänger*innen mithilfe der anderen Mitglieder Stück für Stück zu Praktizierenden werden können. Die Communities of Practice macht aus, dass sie in gemeinsame Aktivitäten involviert sind und durch Diskussionen in der Gruppe sowie die gegenseitige Hilfe ihr eigenes Wissen und Können weiterentwickeln. Die Organisatorin des Häkeltreffs berichtete mir, dass die ursprüngliche Idee für den Treff der Wunsch war, sich gegenseitig verschiedene Fähigkeiten beizubringen. Sie kannte diese Art der Wissensweitergabe bereits von links-politischen Orten und betonte die Relevanz der niederschwelligen Wissensweitergabe und des Wissenserhalts. Wichtig war ihr ebenfalls, „dass es auch nicht so in hierarchischen Strukturen endet, dass irgendwelche Leute eben Wissen haben und deswegen dann eher für irgendwelche Sachen gefragt werden.“ Um die Schwelle für den Einstieg ins Häkeln möglichst gering zu halten, bieten die Organisatorinnen bei den Treffen Wolle und Häkelnadeln an, die gegen eine Spende erworben werden können. Dadurch soll einerseits die finanzielle Hürde überwunden werden und andererseits fehlendes Wissen für den Einstieg in die Handarbeit aufgefangen werden.

Kimberley beschreibt vor welchen Herausforderungen Anfänger*innen stehen und dass der Einstieg insbesondere für Personen mit weniger Geld und Unterstützung schwierig sein kann. „Weil Garn nicht besonders günstig ist und man kann theoretisch günstig rankommen, aber vielfach weiß man ja am Anfang auch noch gar nicht genau, was kann ich überhaupt wofür nutzen, welche Häkelnadel brauche ich vielleicht, welche Stärke, welches Garn bietet sich überhaupt für welches Projekt an.”

Als Person, die neu in eine teilweise bestehende Gruppe dazukam, habe ich mich im besuchten Häkeltreff direkt willkommen gefühlt und war insbesondere überrascht von der Offenheit aller Personen gegenüber meiner Forschung. Es fiel dadurch sehr leicht, ins Gespräch zu kommen, und wir blieben thematisch nicht nur beim Häkeln. Zu Beginn wurde sich untereinander nach den Häkelprojekten gefragt und alle erzählten einmal, woran sie arbeiteten oder was sie gerne an dem Abend anfangen wollten. Eine Teilnehmerin berichtete, wie sie seit dem letzten Treffen mit ihrem Strickoberteil weitergekommen war und erzählte dabei von ihrem Problem, dass sie nicht ausreichend grünes Garn hatte und kein vergleichbares zum Nachkaufen finden konnte und stellte ihre Alternativlösung vor. Um den Saum ihres Oberteils zu verlängern, hatte sie mit einem bunten Garn mit Farbverlauf den unteren Teil ihres Stückes weitergestrickt. Neben den Gesprächen über Wolle und unsere Projekte ging es auch um ganz alltägliche Themen, wie die weitere Abendplanung, Studiengänge und Datinggeschichten. Ich blieb bis zum Schluss und bei den Verabschiedungen, die sich sehr ehrlich und herzlich anfühlten, merkte ich, dass ich mich als Teil der Gruppe gefühlt habe und es mir nicht so vorkam, als wäre ich erst das zweite Mal mit diesen Menschen zusammen.
Obwohl der Raum an einem öffentlich zugänglichen Ort liegt, überschnitten sich die Lebenswelten der anwesenden Personen durchaus. Alle sind in einem ähnlichen Alter, etwa Anfang bis Mitte 20 und studieren größtenteils. Das war unter anderem begründet dadurch, dass ein Teil der Gruppe aus dem Freund*innenkreis der Organisatorinnen stammt. Im Interview hat Organisatorin Josefine erzählt, dass sie niemanden aktiv ausschließen wollen, aber die Werbung für das Treffen „in lila und pink und ein bisschen wild gehalten“ ist und sich davon vermeintlich nicht jede*r angesprochen fühlt. Sie erzählte weiter, dass sie sich „über sehr viele verschiedene Menschen [freuen], aber, also, Intoleranz ist da jetzt nicht gewünscht.“ Im Zuge dessen berichtete sie von einem Treffen, bei dem sie und ihre Mitorganisatorin in ein Gespräch eingegriffen haben, in dem eine Person sich abwertend und einfühllos über trans Personen geäußert hatte und daraufhin von einer anderen Teilnehmerin sachlich aufgeklärt wurde. Die beiden sprachen alle anderen anwesenden Personen an, um zu überprüfen, ob es für alle okay sei, wenn diese Person anwesend ist und das Gesprächsthema vor Ort weitergeführt wird oder sich jemand damit unwohl fühle.

In unseren Gesprächen betonten meine Interviewpartner*innen häufig, dass Menschen, die häkeln und stricken, sehr lieb und freundlich seien. Bei Häkel- und Stricktreffen hätten durchweg alle das Gefühl, eine angenehme Atmosphäre zu erleben, die von mehreren Personen als entspannt, offen und einladend beschrieben wurde. Eine Interviewpartnerin sagte zur Stimmung bei den Treffen: „[D]as ist einfach immer eine richtig harmonische, schöne Atmosphäre, wo halt einfach jeder dabei sein kann.“ Durch meine eigenen Erfahrungen kann ich das absolut nachvollziehen und hatte direkt das Gefühl, dass ich willkommen bin.

Die interviewten Personen erlebten die Zugehörigkeit in ihren Treffen durchaus unterschiedlich. Bärbel sagte: „Also ich glaube, wir haben ja schon das Häkeln so als verbindendes Element einfach.“ Sie beschrieb daraufhin, wie leicht man direkt mit anderen häkelnden und strickenden Personen in ein Gespräch kommen kann und wie viel man sich austauschen kann über Wolle, Wollläden und Häkelnadeln. Sie freute sich auch darüber, dass sie aus diesen Gesprächen immer noch etwas dazulernen kann. Lisa berichtete, dass auch sie sich mit den anderen durch das gemeinsame Hobby verbunden fühle, gerade durch die Bereitschaft, einander bei Problemen weiterzuhelfen. Ihrer Erfahrung nach waren „bis jetzt eigentlich auch alle da immer richtig offen, weil man ja natürlich merkt, okay, das ist ja auch deren Hobby und deren Leidenschaft.“ Außerdem beschrieb sie, dass sie sich besonders verbunden mit den anderen Teilnehmenden fühle, wenn sich herausstelle, dass man schon mal das gleiche Projekt gehäkelt hat und dadurch merke, dass man denselben Geschmack hat. Vanessa fühlte sich durch das Häkeln als Mitglied der Häkelcommunity, auch über ihre Treffen mit wenigen anwesenden Personen hinausgehend: „Aber alleine dieses Gefühl, wir teilen gerade ein Hobby, finde ich, gibt einem dieses Zugehörigkeitsgefühl, auch wenn du in dem Moment jetzt nicht das Gefühl hast, wir sind jetzt hier eine sehr, eine richtige Gruppe, sondern wir sind so ein Teil der Gruppe.“

Kimberley berichtete von einem Häkeltreff, bei dem sich die Dynamik im Raum durch das Hinzustoßen einer größeren Gruppe stark veränderte. Die neue Gruppe verhielt sich sehr laut, die meisten waren nicht zum Häkeln, sondern nur zum Abhängen dort und manche von ihnen tranken Alkohol. Dieser Einschnitt ins Treffen führte bei ihr dazu, dass sie sich ein wenig exkludiert fühlte, während sie sich vor dem Dazukommen der Gruppe wirklich aufgenommen und als Teil der Gruppe gesehen hatte. Die Exklusivität eines Häkeltreffs wird aber nicht von allen gleich erlebt. Emil wiederum fühlte keine stärkere Verbindung zu den anderen Teilnehmenden und sagte, er würde die Gruppe aufgrund der „dynamischen Aktion“, die so ein Häkeltreff sei, eher als lose Gruppe sehen. Er meinte jedoch auch, dass Personen, die von außen auf den Treff blicken, diesen als Gruppe wahrnehmen würden. Dazu sei zu erwähnen, dass es für ihn seine erste Erfahrung mit einem Häkeltreff war.

Die interviewten Personen nutzten verschiedene Begriffe, um die Atmosphäre zu beschreiben, die sie bei den Häkel- und Stricktreffen erlebt haben.

Mehrere meiner Gesprächspartnerinnen haben darüber hinaus von sich aus den Bezug von Handarbeit zu Feminismus und Politik angesprochen. Wie zuvor beschrieben wurde der Häkeltreff von den Organisatorinnen auch mit einem politischen Hintergrund ins Leben gerufen. Sie wollten den Treff nicht unpolitisch aufziehen, gerade um sich auch vom aufstrebenden Tradwife Trend abzugrenzen. Dieser Trend ist in den letzten Jahren in den sozialen Medien sichtbar geworden. Es handelt sich dabei um junge Frauen, die ein ultra-konservatives Rollenbild vorleben. Sie inszenieren sich dafür als Hausfrauen, die freiwillig auf ihre Karriere verzichten würden, und zeigen sich bei Haushaltsaufgaben wie Kochen, Backen, Putzen, aber eben auch bei Handarbeiten. Auch historisch war textile Handarbeit als typisch weiblich angesehen und war eine hauswirtschaftliche Tätigkeit, die im Privaten ausgeübt wurde. Innerhalb der letzten Jahrzehnte, unter anderem im Kontext von künstlerisch-aktivistischen Projekten, wurden textile Handarbeiten zunehmend öffentlich praktiziert und politisch neu gedeutet. Das gemeinsame Stricken und Häkeln geht also über die reine Freizeitgestaltung hinaus und eröffnet Räume für Vernetzung, Austausche, auch politischer Art, sowie gegenseitige Unterstützung. Josefine möchte in ihrem Treff auch Platz für politischen Austausch bieten. So hielt sie auf Wunsch der anderen Teilnehmenden einmal einen Vortrag vor der Gruppe über rechtsextreme Strukturen in Jugendgruppen in NRW, den sie für einen anderen Kontext vorbereitet hatte.
Auch bei meinen Besuchen des Häkeltreffs wurde über Burschenschaften und Demonstrationen gesprochen und schon im Vorfeld in der Werbung zu den Treffen werden teils explizit politische Themen angerissen, beispielsweise wurde zu einem Treffen die Möglichkeit geboten, gemeinsam eine Umhängetasche für Wasserflaschen zu häkeln, mit dem Hinweis, dass diese sich prima für die Teilnahme an einer Demo eignen würden. Warum der Häkeltreff und das gemeinsame Zusammenkommen verschiedener Personen darin so wichtig ist, betont Josefine folgendermaßen:

„Gerade auch so Gemeinschaft und Dritte Orte halte ich auch absolut nicht für was Unpolitisches. So wenige, wie es davon gibt und wie viele abgeschafft werden.“

Lisa erzählt davon, was für tolle Projekte entstehen können, wenn so viele Menschen gemeinsam an einem Hobby arbeiten. Ihr ist es ein Anliegen auf die Aktion der Organisation Frauen für Frauen e.V. aus Leipzig aufmerksam zu machen. Diese sammeln gehäkelte und gestrickte Vierecke, um daraus Decken zusammenzustellen, die dann ausgestellt und verkauft werden, um mit dem Erlös einen guten Zweck für Frauen zu unterstützen. Ganz begeistert erklärte sie, „dass man eben auch mit solchen Projekten – dass es eben nicht nur das Häkeln oder Stricken ist, sondern durch die Gemeinschaften, die sich dann bilden – man auch coole Sachen einfach bewirken kann.“
Auch Vanessa hat den politischen Aspekt der Handarbeit angesprochen: „Gerade wenn man jetzt auch auf die Historie guckt, dass solche Handarbeiten auch schon immer politisch waren und auch wahrscheinlich, auch hoffentlich für immer politisch bleiben und als politische Werkzeuge eingesetzt werden können.“ Dabei zieht sie auch die Verbindung zu Handarbeiten als frauendominierte Handwerke und Hobbys. Sie beschreibt: „mit den meisten Leuten, mit denen ich dann ja zu tun habe, sind dann ja einfach Frauen, oder FLINTA*Personen generell, die mehr mit den Problemen oder so zu tun haben, mit denen ich auch zu tun habe“ und dass sich dadurch ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl bildet. Sie sieht das Zusammenkommen als Safe Space und betont, wie schön sie den Austausch und die Dynamik mit den anderen Teilnehmenden findet. Auch Bärbel hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Treffen fast ausschließlich von weiblichen Personen besucht werden und dadurch eine angenehme und offene Gesprächsatmosphäre entsteht: „Es ist so ein bisschen Girls-Time, dass dann auch so alles wirklich erzählt wird.“ Im Häkeltreff von Josefine sind wiederum viele Männer anzutreffen. Sie vermutet, dass dies darauf zurückführen ist, dass weniger Männer bisher die Skills zum Häkeln gelernt haben und dadurch bei ihnen der Bedarf zum Lernen höher ist. Handarbeiten wurden und werden teils immer noch gesellschaftlich als eine weibliche Tätigkeit angesehen, im 19. Jahrhundert wurden textile Handarbeiten als „Instrument der Konstruktion von Weiblichkeit“ (Langreiter, Löffler 2017: 60) genutzt. Das könnte einer der Gründe sein, warum vielen Männern bisher der Zugang zu Handarbeiten gefehlt hat. „Am Anfang hatten wir aber so meistens irgendwie über 50 Prozent Typen, die dann auch häkeln lernen wollten. […] Und das dann vielleicht auch die Personen eher waren, die es bisher noch nicht gelernt hatten, die dann da vorbeigekommen sind. Was halt ein bisschen mehr Typen sind.“

Zu Beginn des Textes stand die Aussage des Cafébesuchers: „Krass, ist ja wie Shisha-Bar eigentlich.“ Der Vergleich wirkte zunächst ungewöhnlich. Im Laufe meiner Beschäftigung mit dem Gebiet zeigte sich, dass sich die Gemeinsamkeit nicht auf die konkrete Tätigkeit, sondern auf ihre soziale Funktion bezieht. Wie auch andere informelle Treffpunkte bieten Strick- und Häkeltreffs jungen Menschen Anlass, regelmäßig zusammenzukommen und soziale Beziehungen zu pflegen. Während ein Treffen in der Shisha-Bar eher ein geschlossenes Treffen innerhalb einer Freundesgruppe ist, kann der Besuch eines Häkeltreffs darüber hinausgehen und dabei helfen, neue Kontakte zu knüpfen mit Personen, die das gleiche Interesse haben. Zugleich zeigt sich, dass Stricken und Häkeln aufgrund ihrer historischen Verknüpfung mit Weiblichkeit und Häuslichkeit eine besondere gesellschaftliche Bedeutung tragen, die dem gemeinsamen Handarbeiten eine zusätzliche Ebene verleiht. Im Rahmen der Theorie der Communities of Practice wird deutlich, dass Gemeinschaft nicht vorausgesetzt werden kann, sondern durch die gemeinsame Praxis entsteht. Häkeln und Stricken dienen also nicht nur als verbindendes Element sozialer Interaktionen, sondern sind auch die verbindende Praxis, über die Wissen geteilt und gelernt, Erfahrungen und Tipps ausgetauscht und Zugehörigkeit hergestellt werden.


Anmerkung: Die Namen der interviewten Personen wurden allesamt abgeändert.

Arantes, Lydia. 2020. ‘On Knitted Surfaces-in-the-Making’, in Mike Anusas und Cristián Simonetti, Hrsg., Surfaces: Transformations of Body, Materials and Earth (New York: Routledge), 152–166.

Ataizi, Murat. 2012. ‘Communities of Practice’, in Norbert M. Seel, Hrsg., Encyclopedia of the Sciences of Learning (New York: Springer Science+Business Media), 654.

Buchczyk, Magdalena. 2020. ‘Making Certainty and Dwelling through Craft.’ Journal of American Folklore 133(528), 178–192.

Ingendahl, Gesa, und Wiebke Ratzeburg. 2015. Protest! Stricken, Besetzen, Blockieren in den 1970/80er Jahren. Eine Interventionsausstellung im Stadtmuseum Tübingen (Tübingen: Gulde Druck).

Jones, Susan. 2025. ‘Knitting and Everyday Meaning-Making.’ TEXTILE 23(5), 1178–1190.

Langreiter, Nikola, und Klara Löffler. 2017. Selber machen. Diskurse und Praktiken des »Do it yourself« (Bielefeld: transcript Verlag).

Wenger-Trayner, Etienne and Beverly Wenger-Trayner. 2015. Introduction to communities of practice a brief overview of the concept and its uses. https://www.wenger-trayner.com/introduction-to-communities-of-practice/ [letzter Zugriff 16.07.2026].

Autorin Isabel (sie/ihr) ist selbst häkel- und strickbegeistert. Nach einigen Häkel- und Strickanläufen in der Kindheit, die nie von langer Dauer waren, hat sich vor einigen Jahren das Häkeln mithilfe von YouTube Videos beigebracht. Bereits vor dem Forschungsprojekt konnte sie online über Instagram einen Einblick in die Häkel- und Strickcommunity erlangen und sich mit Gleichgesinnten vernetzen, denn sie durfte mit Freude feststellen, dass immer mehr junge Menschen zum Stricken und Häkeln finden. Da das Interesse nach Vernetzung und Austausch im realen Leben immer weiter stieg, entstand der Wunsch nach einem Treff, um dort gemeinsam kreativ zu sein. Im Rahmen der Forschung hat sie zum ersten Mal einen Häkeltreff besucht und ebenfalls einen eigenen Strick- und Häkeltreff ins Leben gerufen.

Ein riesen Dankeschön geht an alle Interviewpartner*innen und die Teilnehmenden und Organisatorinnen des Häkeltreffs!

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