Einleitung
Stell dir vor du gehst ins Co-Working Café, um dort gemeinsam mit anderen Personen zu arbeiten. Aber niemand spricht miteinander und niemand guckt sich an. Die meisten sitzen alleine an Einzeltischen, schauen auf ihren Laptop und tragen Noise-Cancelling Kopfhörer. Kommt dir das paradox vor, wenn du an Co-Working denkst? Spannend! Ich habe Interviews mit mehreren Personen genau zu dem Thema durchgeführt und alle befragten Personen beschreiben genau dieses gemeinsame Alleinsein als besonders gut. Eine meine Interviewpartnerinnen sagte sogar für sie kommt dort ein „Sense of Community“ also eine Art Gemeinschaftsgefühl auf. Und das in einem Raum in dem niemand miteinander redet?
Willkommen zu einer neuen Folge Kaffeeklatsch, eurem wöchentlichen Podcast mit mir – eurer Lou– in dem ich euch bei einer Tasse Kaffee genau über solche, zuerst widersprüchlich scheinende Dinge berichte – denn die schaut sich die Kulturanthropologie besonders gern an. In den letzten Monaten habe ich ein Co-Working Café in einer Großstadt in NRW angeschaut, dazu habe ich teilnehmende Beobachtung und Interviews durchgeführt. Das heißt ich saß in dem Co-Working Bereich und habe mir angeschaut was die Personen dort überhaupt tun und Interviews mit Personen, die dort regelmäßig arbeiten durchgeführt, um herauszufinden wie die Nutzer*innen den Raum selbst nutzen und herstellen.
Und dabei habe ich etwas herausgefunden, was sich jetzt erstmal verrückt anhört: Dieser Ort funktioniert nur, weil niemand dort miteinander redet. Also schnapp dir einen leckeren Kaffee oder ein Getränk deiner Wahl mach‘s dir bequem und ich erklär dir, warum das so ist.
Teil I: Allein, allein
Meine Beobachtung des Co-Working Cafés lässt sich eigentlich relativ einfach zusammenfassen: Das Café ist kein Ort der Gemeinschaft, sondern ein Ort des gemeinsamen Alleinseins. Eine Befragte Person sagte dazu: „Ich glaub der Fokus liegt schon so am alleine arbeiten inmitten von anderen Leuten, die auch arbeiten.“
Also allein arbeiten, inmitten von anderen Personen und Genau das ist der Punkt meiner Forschung.
Eine andere Befragte sagt dazu „Alle sind so ein bisschen in ihrem eigenen Modus, in ihrer eigenen Blase“. Also trotz dessen, dass jede*r in seiner eigenen Blase ist, sind alle im selben Raum. Die Leute gehen also nicht dahin, um sich mit anderen auszutauschen oder zu connecten, sondern um alleine zu sein. Nur halt nicht alleine zuhause, sondern umgeben von Fremden, die alle das vermeintlich gleiche tun wie man selbst. Übrigens genau für dieses Phänomen, also dass es eigentlich keine Interaktionen gibt aber ein „Sense of Community“ herrscht gibt es einen Begriff von der Kulturwissenschaftlerin Alexandra Bernhardt, die sich relativ intensiv mit Co-Working Spaces in ihrer Forschung beschäftigt hat, und zwar: posttraditionale Vergemeinschaftung. Klingt jetzt erstmal sehr hochgestochen, meint aber einfach sich zugehörig fühlen, ohne sich zu kennen. Ganz anders ist das ja zum Beispiel in Vereinen, Familie oder manchmal sogar in der Nachbarschaft, wo da Gemeinschaftsgefühl nicht nur durch das gemeinsame Dasein in einem Raum entsteht, sondern man kennt sich wirklich.
Teil II: Warum tust du dir das an?
Okay, aber warum gehen jetzt Leute eigentlich in ein Co-Working Café? Man könnte ja Wissensarbeit am Laptop von überall aus machen, auch an schöneren Orten wie dem Park, dem Sofa oder wenn man‘s gut hat sogar unter Palmen am Strand.
Trotzdem zahlen Leute Geld für die Nutzung vom Co-Working, um dann neben Fremden zu sitzen, mit denen sie eh nicht reden. Auch hierfür hat Alexandra Bernhardt, die Forscherin, die ich eben schon kurz angesprochen habe, einen Begriff: Co-Präsenz. Einfach im selben Raum sein ganz, ohne dass etwas passieren muss, ein Blick, ein Gespräch, ein Lächeln. Und genau diese Anwesenheit anderer reicht um etwas richtig Spannendes anzustoßen:
„Ich lasse mich sozusagen von der Atmosphäre der Anderen auch anstecken, in diesem ganzen fokussierten und effizienten Arbeiten.“
Also man steckt sich regelrecht durch die Konzentration der anderen an. Man sieht andere Leute am Laptop fleißig tippen, vertieft auf den Bildschirm schauen, hört sie vielleicht gestresst seufzen und denkt sich: Oh wow, die sind aber konzentriert und arbeiten diszipliniert, dann sollte ich das vielleicht auch besser machen. Dabei wissen wir ja ehrlicherweise oft gar nicht woran die anderen so arbeiten, vielleicht an einer Hausarbeit, vielleicht formuliert die Person zum 10. Mal eine Mail um oder scrollt heimlich auf Instagram. ABER: Es reicht die reine Annahme, dass mein Gegenüber konzentriert, ist um diese gemeinsame, ansteckende Arbeitsatmosphäre zu kreieren.
Und genau diese Annahme hat einen netten Nebeneffekt, den alle befragten Personen in meinen Interviews auch angemerkt haben: Die Annahme diszipliniert die Co-Worker*innen:
„Ich glaube, eine Wirkung ist, dass ich disziplinierter bin […] Und ich bin mir meiner Außenwirkung schon bewusst.“
Das heißt, man verhält sich nicht einfach so wie man sich gerade fühlt, sondern man stellt sich selbst als eine arbeitende, produktive Person dar. Eine andere befragte Person hat das noch treffender formuliert als ich es hier könnte:
„Es wäre jetzt mega peinlich, wenn ich jetzt irgendwas mache, was ich hier nicht machen soll. Aber wahrscheinlich reichts auch schon aus, wenn der Barista da ist, und ich das Gefühl habe, es sähe mega dumm aus, wenn ich jetzt hier am Handy hänge.“
Das Interessante hier ist ja vor allem, dass einen in Wahrheit niemand kontrolliert. Diese Kontrolle findet nur im eigenen Kopf statt, man stellt sich vor man würde beobachtet werden und verhält sich dann dementsprechend.
Die Forscherin Alexandra Bernhardt unterscheidet hier zwischen 2, quasi, Rollen, die man einnehmen kann: Doing-Being-Busy und Doing-Being-Open, also sich bewusst sichtbar beschäftigt oder kontaktbereit zeigen. In meinen Beobachtungen konnte ich jedoch keine Situation des Doing-Being-Open feststellen. Fast alle Personen, mit denen ich gesprochen habe oder teilnehmend beobachtet habe, haben nur die Praxis des Doing-Being-Busy für sich genutzt.
Teil III: Mein linker, linker Platz ist frei, ich wünsche mir niemanden herbei
Jetzt kommt mein zweiter etwas theoretischer Teil, aber keine Sorge ich erklär euch‘s Step-by-Step. Die Stadtsoziologin Martina Löw hat in ihrer Forschung beschrieben, wie Menschen sich Räume aktiv erschaffen, statt sie nur zu benutzen. Denn, wir alle bauen uns ständig unseren eigenen, kleinen Bereich, indem wir uns selbst oder unsere Sachen irgendwo positionieren.
Auch das konnte ich im Café super gut beobachten, es wirkte fast schon wie ein kleines Ritual. Die Leute kamen rein, setzten sich hin und sortierten erstmal ihre Sachen: Sie legen ihr Handy, meist verkehrt herum, auf den Tisch ab, Sonnenbrillen, Trinkflaschen, Laptops markieren den eigenen Arbeitsplatz. Oft wird auch der freie Stuhl neben sich mit der eigenen Tasche blockiert. Danach werden sich, in fast allen Fällen, Noise-Cancelling Kopfhörer in die Ohren gesteckt und die eigene kleine Blase, wie eine meiner Interviewpartnerinnen es so schön nannte, wird betreten. All diese Objekte sind eigentlich, wie unsichtbare Zäune und sollen sagen: Das hier ist mein Bereich, bitte frag nicht nach. Manche Nutzer*innen haben sogar einfach ihre Sachen, inklusive teurem Markenlaptop liegen lassen und waren eine halbe Stunde weg, nicht im Café, sondern draußen – aber der Platz blieb trotzdem belegt durch die zurückgelassenen Sachen, unabhängig davon, ob eine Person dort arbeitet oder nicht. Man baut sich also seine kleine eigene Arbeitsinsel inmitten von Fremden.
Die Soziologin Martina Löw sagt aber noch mehr. Neben diesem sich und seine Sachen aktiv irgendwo positionieren – dem sogenannten Spacing gibt es noch einen zweiten, gleich ablaufenden Prozess, und zwar die Syntheseleistung. Gemeint ist damit das gedankliche Zusammenfügen von allem, was im Raum so verteilt ist, zu einem einzigen sinnvollen Ganzen. Und genau das passiert, wenn man die ganzen fremden Leute am Laptop nicht als zufällige Ansammlung wahrnimmt, sondern als eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre, also dieser Ansteckungs-effekt, von dem ich vorhin gesprochen habe.
Und genau hier kann man beide theoretischen Ansätze total gut verknüpfen: Sowohl Bernhardt als auch Löw: Man vergemeinschaftet sich durch ein gemeinsames Tun, durch stille Handlungen.
Achso, auch die Einrichtung ist übrigens kein Zufall. Die Tische sind oft groß und rund, man sitzt oft also automatisch und ungewollt im Blickfeld anderer Personen. Meine Interviewpartnerin Laura hat das sehr eindrücklich beschrieben:
„Du hast runde Tische. Du sitzt vielleicht mit Leuten an einem großen, runden Tisch, die auch an Sachen arbeiten, und guckst die auch direkt an. […] Du hast die Leute eigentlich in deinem Blickfeld. Und ich finde das auch irgendwie so gemeinschaftlich, obwohl es auch ästhetisch ist“.
Schönes, durchdachtes und ansprechendes Design ist kein Zufall, wie Forscherin Alexandra Bernhardt auch schon festgestellt hat, sondern Kalkül: Diese Art der Einrichtung soll uns kreativer, produktiver und stärker mit dem Ort verbunden fühlen lassen. Ästhetisches Design lässt sich auch als „Hier kann man gut arbeiten“ verkaufen.
Teil IV: Cool-munity
Und genau diese Atmosphäre die ich eben beschrieben ist nicht für alle gleich. Eine meiner Interviewpartnerinnen sagt dazu: „Es war am Anfang ein bisschen einschüchternd, weil es halt so eine coole Atmosphäre ist, coole Leute […] Ich glaube, es sind auch eher privilegiertere Leute, die da arbeiten.“
Coole Atmosphäre, coole Leute – das ist Teil des Konzepts. Stylische Möbel, gutes Licht, durchdachte Innenarchitektur. Und diese Coolness hat zwei Seiten: Manche zieht sie an, manche verunsichert sie.
Räume können nie neutral sein und wer sich in einem Raum wohlfühlen kann und wer nicht, ist nicht nur Geschmacksfrage oder Zufall, sondern hängt an echten Zugangsbedingungen: ökonomische, sozialen und ästhetischen.
In meiner Forschung ist vor allem auch der finanzielle Faktor ein Grund. Das Co-Working im Café ist nämlich nicht umsonst:
Eine Interviewpartnerin sagte „Ich finde 20€ für den Tag schon viel […] Für Leute, die es sich nicht leisten können, noch zusätzlich Geld auszugeben, ist das natürlich schon ein kleines Hindernis.“
20€ pro Tag nur um an einem schönen Ort allein zu arbeiten. Wer sich das nicht leisten kann und will, gehört dann nicht dazu. Gemeinsames Alleinsein hat also einen Eintrittspreis. Diese Wohlfühlatmosphäre entsteht also weder zufällig noch für alle gleich – sie ist daran gekoppelt wer sich den Raum überhaupt leisten kann. Ich sage das, ohne hier die Preisstrukturen oder Preis-Leistung zu beurteilen, sondern als eine Feststellung.
Und auch die Darstellung auf Social Media spielt hier eine Rolle. Eine Befragte Person sagte mir im Interview Folgendes: „Immer wenn ich da gearbeitet hab, habe ich so eine Insta Story gemacht, dass ich da arbeite. Ich glaube das ist auch so ein bisschen ein Statussymbol […] Ich arbeite jetzt an einem Thema, aber bin auch nochmal in so einem coolen Space. Da will ich auch ehrlich mit mir sein: Das war irgendwie so die Kirsche on top.“
Die Kirsche on top. Arbeit wird also nicht nur verrichtet, sondern auch gezeigt – fast wie ein kleines Statussymbol, dass man mit anderen teilt.
Mein Fazit
Was sagt uns das alles jetzt über Arbeit heutzutage, fragt ihr euch? Ich finde: Ziemlich viel. Wir tun oft so, als wäre Wissensarbeit ortlos – als bräuchte man nicht außer einem Laptop und WLAN. Klar, theoretisch ist das auch so. Aber in der Praxis suchen sich Leute dann doch Orte, an denen sie sich selbst – und anderen – beweisen können, dass sie produktiv sind. Produktivität wird zu einer Show, vor einem fremden Publikum, was einen eigentlich gar nicht beobachtet.
Und um die eigene Produktivität weiter maximieren zu können, kann man ja auch Andere die alltäglichen Dinge für einen erledigen lassen, die man im Homeoffice sonst selbst machen muss: Meine Interviewpartnerin erzählt mir, dass sie: „[…] Essensaufgaben, Getränke machen, dass du das so ein bisschen outsourcen kannst. Ähm, dadurch hat man ja auch Energie und Zeit gespart.“
Der Soziologe Ulrich Bröckling hat das auf den Punkt gebracht: Er nennt das, das unternehmerische Selbst: Wir haben verinnerlicht, Selbstverwirklichung und ökonomischen Erfolg gleichzusetzen. Wir funktionieren also selbst wie ein kleines Unternehmen: intern immer auf Effizienz und Selbstoptimierung aus.
Und das Coworking-Café ist dafür eigentlich der perfekte Ort: Man kommt freiwillig, zahlt freiwillig und man diszipliniert sich freiwillig. Und das nennen wir dann Selbstbestimmung, Freiheit, Digital Nomad. Hier stellt sich daher schon die Frage: Arbeiten wir hier wirklich besser – oder zeigen wir hier einfach besser, dass wir arbeiten?
Co-Working hat unser eigenes unternehmerisches Selbst zwar nicht erfunden und ist auch nicht der Grund dafür, aber macht es beim genauen Hinschauen sichtbar.
Es gibt aber auch immer mehr Cafés die Laptops verbieten oder Laptoparbeit nur unter der Woche erlauben und damit reclaimen wofür Cafés eigentlich mal da waren: Quatschen, Lesen, Genießen, Freunde Treffen, Nichts-Tun. Also keine Produktivität, keine Optimierung, einfach mal Chillen, denn wie Bröckling sagt: „Nutzenmaximierung und Nichtstun vertragen sich schlecht“ (Bröckling 2007: 297).
Also, das Co-Working Café ist kein neutraler Ort, sondern ansprechend, ästhetisch und auch cool und genau das macht ihn exklusiv, aber ebenso exkludierend. Vielleicht ist das mein Endergebnis: Das Co-Working Café verspricht Gemeinschaft, liefert aber etwas anderes – einen kuratierten, ästhetischen Ort, an dem man wunderbar allein sein kann, ohne sich aber allein zu fühlen. Und genau diese Mischung aus Nähe ohne Kontakt, Gemeinschaft ohne Austausch– sagt vielleicht mehr über unsere heutige Arbeitswelt aus als jeder Vergleich im Großraumbüro.
Outro
Das wars für heute mit meinem Kaffeeklatsch. Ich hoffe die Folge hat dir gefallen, falls ja, lass gerne ein Abo da und bewerte den Podcast mit fünf Sternen. Wie sieht es bei dir aus, nutzt du Co-Working Cafés? Schreib mir deine Erfahrung doch mal in die Kommentare. Macht’s gut, bis zum nächsten mal, eure Lou.
Bernhardt, Alexandra. 2017. ‘Coworking Spaces als ästhetisierte Arbeitsräume’ in Ästhetisierung der Arbeit: Empirische Kulturanalysen des kognitiven Kapitalismus, Ove Sutter und Valeska Flor (Hrsg.), 51–70. (Münster/New York: Waxmann).
Bernhardt, Alexandra. 2021. Coworking-Atmosphären: Zum Zusammenspiel von kuratierten Räumen und der Sicht der Coworkenden als raumhandelnde Subjekte. (Wiesbaden: Springer). https://doi.org/10.1007/978-3-658-35888-4.
Bröckling, Ulrich. 2007. Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. (Frankfurt am Main: Suhrkamp).
Löw, Martina. 2018. Vom Raum aus die Stadt denken: Grundlagen einer raumtheoretischen Stadtsoziologie. (Bielefeld: transcript).
Hey, ich bin Lou (she/her), 29 und Masterstudentin der Kulturanthropologie. Ich schaue mir in meinem Forschungsprojekt ein Co-Working Café an, weil es ein Raum ist, den viele von uns aus dem Alltag kennen. Spannend finde ich hierbei vor allem die ökonomischen sowie sozialen Zugangsfaktoren und das Herstellen und Nutzen des Co-Working Raumes. Aufgrund meiner finanziellen Lage als Studentin habe ich selbst das Co-Working, abgesehen von meiner Forschung vor Ort, bisher nur zweimal genutzt.
Ich gehe aber sehr gerne vorne im Café mal den ein oder anderen Kaffee oder Matcha trinken. Wenn’s besonders gut läuft gönn ich mir dort auch mal ein ultraleckeres Sandwich.
Ich bedanke mich bei meinen Interviewpartnerinnen und dem Inhaber des Co-Working Cafés für die Unterstützung bei meiner Forschung und ihr Vertrauen.
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